That's Entertainment
Dez 4, 15:08

Es war in Mannheim. Anlass war eine Familienfeier, der Geburtstag einer Tante meiner späteren Ehefrau, diese Tante hat nur alle vier Jahre Geburtstag, daher erinnere ich mich, dass es an einem 29. Februar war. Und so war es denn winterkalt aber ausgelassen und unbeschwert; die Liebe war jung, ein Wochenende in einer anderen Stadt, gutes Essen am Ufer des Rhein. Eine Freundin meiner zukünftigen Ehefrau hatte sich noch aus Wiesbaden zu uns gesellt und mit uns gefeiert.
Wir blieben bis zuletzt, wie das so unsere Art war, tranken, lachten und rauchten, weil das damals noch normal war, in geschlossenen Räumen. Wenn man auf die Terrasse ging, stand man direkt am Ufer des Rhein und sah eine der Rheinbrücken in angenehmer Distanz. Die Freundin aus Wiesbaden erzählte zu fortgeschrittener Stunde, weshalb sie eigentlich gekommen war, obwohl sie gerade frisch verliebt in einer neuen Beziehung steckte. Der Typ, nennen wir ihn Heiner, hatte in der ersten oder zweiten Woche ihrer frischen Beziehung vorgeschlagen, am Abend ‚Wetten dass…’ zu sehen. Nachdem wir uns alle von dem fast hysterischen Gelächter erholt hatten, das nach dieser Aussage einsetzte, erklärte sie noch, dass der Typ aber sehr nett sei. Meine zukünftige Ehefrau erwiderte nur, „… nett ist auch die Kuh auf der Wiese“. Sie kann zuweilen sehr trocken sehr treffende Dinge sagen.
Die Beziehung zwischen der Freundin und nennen wir ihn mal Heiner hielt wie man sich denken kann nicht mehr besonders lange nach diesem Abend. Was uns zum Anlass dieser kleinen Erzählung bringt: ‚Wetten dass…’ war schon immer, so lange ich zurückdenken kann, eine zutiefst spießige Angelegenheit, der man als Jugendlicher nichts abgewinnen konnte, es aber irgendwie akzeptierte. Man sah es aus Geselligkeit mit, weil die Eltern es schauten und man erst danach in die Disko aufbrach. Der Berufsjugendliche Gottschalk war schon damals eine Art SPD der Unterhaltung – das geringere Übel.
Meine große Schwester hatte mir in ganz jungen Jahren mal eine Sendung empfohlen, in der ein verdammt lustiger junger Typ in Jim- Morrison-Lederhosen extrem schlagfertig eine Sendung im Bayrischen Fernsehen moderierte, die sogar irgendwie modern wirkte – Telespiele. Da spielten irgendwelche Leute Spiele auf dem Bildschirm, es gab damals in den frühen 80ern die ersten Spielkonsolen, an denen man eine Art Tennis spielte. Das war Gottschalk und er blieb immer dabei. Was man ihm zugute halten muss: er wollte immer nur unterhalten. Ein paar gute Sprüche von ihm schafften es auf den Schulhof: Sieh mal, der Limahl (Sänger der Gruppe Kajagoogoo). Er hat das Ding gewuppt. Übernahm ‚Wetten dass…’ von dem tranigen Oberlehrer Frank Elstner, das konnte ja nur besser werden. Dann Gottschalks Versuch in der latenight, der im Grunde nur sein Profil als Entertainer schärfte, Gottschalk kann einen üblen Hetzer wie Schönhuber nicht vorführen, weil es gar nicht seinem Jobprofil entspricht – Experiment gescheitert. Es tat nie weh, Gottschalk bei der Arbeit zuzusehen (außer meinem Vater, der ihn vom Anbeginn aller Tage hasste), er hat seinen Job also brillant beherrscht mit seinem Haarteil und seinen Mooshammer- artigen Klamotten, die ich folgerichtig fand. Und in der Retrospektive muss man sagen, er war doch wirklich besser und frischer als diese Papis, die es vorher gab: Thööölke, Kuhlenkampf, Elstner, Schanze, das wirkte, als hätte es die 68er nie gegeben, das war Eltern- TV, wie gesagt, er war das geringere Übel. Aber ein Held war er nie, zu keiner Zeit. Und als der Titanic- Redakteur ihn damals mit der Buntstift- Wette reinlegte, da freute man sich einfach. Dem mainstream ein Schnippchen geschlagen, denn das assoziierte man mit Gottschalk: Haribo, ZDF, Bayern München, Springer.
Bleibt die Frage, was man von solchen Sendungen überhaupt halten soll. Der Konsens geht verloren, gewiss, es gibt kaum noch etwas, was sich die ganze Familie zusammen anschaut, ein strukturelles Problem, denn Fernsehen verliert in diesen Tagen seine Einzigartigkeit und damit auch ein Stück Magie. Aber Konsens bedeutet auch, dass es niemand wirklich geliebt hat, oder? Es war einfach immer da. Wie die Gezeiten, vielleicht auch das eine Leistung. Und was bedeutet das überhaupt, Unterhaltung? Oder gar intelligente Unterhaltung? (a propos: Haben sie gestern bei der letzten Wettendass-Sendung das Jackett von Günter Jauch gesehen? Schlimm, dieser Steifbock, der einem immer als intelligent und pointiert verkauft wird, aber meistens nur Fragen vorlesen muss und berechtigterweise gerade an der Talkshow- Klippe herumschlittert.) Was ist überhaupt Unterhaltung?
Brot und Spiele, man kennt das, die Nachrichten im Radio enden fast immer mit einer Sportmeldung, weil man darüber die ganzen Hungersnöte und Erdbeben und Kriege vergessen kann, wenn der Lieblingsverein noch ein Unentschieden geschafft hat. Worum ging es noch mal? Spiele, Unterhaltung. Ist es, so schoss es mir heute sehr früh durch den Kopf, nicht ein paradiesischer Zustand, wenn der Mensch so viel Zeit für Spiele hat? Ein Zustand einer reichen Gesellschaft? Was bedeuten Spiele? Der Homo ludens. Punkt punkt punkt. Wir definieren uns als tollste, überlegenste Lebewesen auf diesem Planeten, weil wir wissen, dass wir sterblich sind und weil wir spielen. Und weil wir Kunst machen. Gehört alles zusammen aber deswegen muss ich diesem ganzen Unterhaltungskram nichts abgewinnen, oder? (Und man muss auch kein ausgesprochener Spielverderber sein, um den Zustand der Menschheit auf diesem Planeten als nicht gerade paradiesisch zu empfinden.)
Jeder lasse sich von dem beglücken, was ihn beglückt. Intelligente Unterhaltung klingt erst recht doof, oder? Hat man nicht ein Recht, seine Intelligenz an der Garderobe abzugeben, wenn man unterhalten werden will? Außerdem, wann will man denn unterhalten werden? Wenn man zu wenig in der Birne hat, um sich selber zu unterhalten? Unterhaltung teilt die Menschheit schließlich in zwei Gruppen ein: Unterhalter und Konsumenten. Und Konsum macht passiv und dick! Und damit der Artikel genauso unausgegoren vor sich hin assoziiert wie der geneigte Leser es in dieser unregelmäßig erscheinenden Kolumne gewohnt ist, schließe ich mit einem Zitat von Pastewka/Engelke, die in der Verkleidung als Heimatmusik- Deppen dem Gottschalk ein Grußwort widmen durften, das immerhin einige Spitzen enthielt (für uns warst du immer der deutsche Lippert…). Sie beendeten ihre Einspielung mit den Worten: … und wenn es der Gottschalk nicht mehr macht … dann macht’s ein anderer. Tschüß, Eltern- TV, tschüß TV- Unterhaltung at all, I hope, we’re coming into something better. (Frank Zappa zur Schließung des Filmore East)
Nicht schlecht gelaunt, nicht kulturpessimistisch, nur etwas verdrossen von grundlosen Nostalgie- Anfällen. Jeder kriegt die Unterhaltung, die er verdient oder wie Jan Delay singt: „wir haben keinen Miles Davis, noch nicht mal einen Sinatra …“
(Not very) produced by
yours sincerely
TUH
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