Mal loben.
Dez 19, 10:21

Heute mal loben: Es ist Montag früh, also alles sehr ungemütlich, getting up too late was a terrible mistake, wie Captain Beefheart auf der Zappa- Platte Bongo Fury erzählt, ich knabbere mein Brötchen, das, wie mir die Bäckereifachverkäuferin erklärt, Frischback genannt wird, was ich eine Beleidigung fürs Ohr finde, knabbere also und blättere wie immer als letztes den Wirtschaftsteil der ZEIT durch. Es ist die Ausgabe vom 15. Dezember 2011. Das Datum schreibe ich so explizit, weil jetzt hier etwas anfängt, was hier selten passiert, ich lobe, was das Zeug hält:
Also da ist ein Bericht, bzw. eine Art Zusammenstellung von Berichten und Interviews zum Thema Abschaffung des Kapitalismus. Ich sehe, dass das Teil einer Serie ist, die beschäftigen sich also seit fünf Wochen damit, wieso es dem Kapitalismus so schlecht geht und wieso er sich überlebt haben mag und füttern das ganze mit Recherche und Interviews. Und denken noch mal alles durch in Richtung Sozialismus und Kapitalismus. Und das ist total spannend.
Ein paar Tage vorher habe ich bereits ein Gespräch zwischen Sahra Wagenknecht und Heiner Geißler gelesen, dem sich philosophische Diskussionen über Gerechtigkeit anschlossen, es ging also durch die Bank (!) um die Occupy- Themen aber auch um das Unbehagen, das einen hier bei uns in der gemütlichen ersten Welt umtreibt, sobald man anfängt zu denken und einem die Kinder in Indien vorgehalten werden, wenn man seinen Teller nicht leer isst.
Ganz nebenbei wird einem noch klar, warum eine leichte Komödie (Rubbeldiekatz) nicht mehr sein kann als eine leichte Komödie. Und noch nebenbeier wird einem ein hervorragendes Stillleben von Chardin gezeigt aus einer Stillleben-Ausstellung in Karlsruhe, wo ich vor Jahrhunderten mal Kunst studiert habe, von Tschernobyl erschrocken war, der KSC noch in der ersten Liga spielte und ich mich größtenteils in Welten aufhielt, in denen Blixa Bargeld eine größere Rolle spielte als Thomas Gottschalk (siehe der letzte Gedanken- Erguss). Mit einem Satz: große Ausgabe des bürgerlichen Blattes mit dem Becksbierschlüssel vorne drauf.
Wir kriegen wir jetzt den Bogen zur Bildenden Kunst, um die es in meinem Blog meistens geht? Frei assoziieren ist ein herrlicher Luxus. Gerade löschte ich ein überflüssiges ‚ja’ aus meinem Satz und musste wie so oft an Andreas Bader denken, der Gudrun Ensslin oder Ulrike Meinhoff, ich weiß es nicht mehr genau, vorwarf, in einem Text zu dekadent und unsachlich zu schreiben. Ich bin da ganz auf Seiten von Gudrun und Ulrike, ich liiiiiebe es, unsachlich zu schreiben, wie gesagt, ich empfinde es als Luxus, die Gedanken wie einen unbegradigten Fluss mäandern zu lassen und mich von Eindrücken treiben zu lassen wie ein steuerloses Floß auf ebenjenem Fluss.
Der Raffael ist zu drei Vierteln erledigt und hängt über meinem Bett und ich freue mich darüber, auch wenn er etliche Schwächen eklatant zu Tage bringt, zum Beispiel meine eklatante Schwäche, Proportionen genau zu erfassen.
Chardin hat diese Probleme nicht. Seine Stillleben sind klein, können mit Vermeer nicht mithalten haben aber oft etwas muffig- staubig- schattiges, das einen großen Reiz aufs Auge ausübt. Habe mir am Sonnabend bei einem kräftezehrenden aber doch erfrischenden Ausflug in die Hamburger Innenstadt (4. Advent!) direktemang ein paar Bücher über Stillleben rauslegen lassen in der entzückenden Buchandlung Laatzen am Stephansplatz. Stillleben sind toll, möchte ich hier einfach mal gesagt haben, aber die wirklich tollen sind natürlich seltener. Wie so oft führen die Barockmaler die größte Sinnlichkeit im Umgang mit Farbe vor, mein Lieblingsstillleben möchte ich nur noch nennen, aber nicht darauf eingehen: Stillleben mit chinesischer Porzellandose von 1662 von Willem Kalf, seines Zeichens Holländer – nie Weltmeister gewesen aber malen wie die Teufel (Gemäldegalerie Berlin). Naja, man muss da vorsichtig sein, bei den Pietisten und Magermalern, aber Willem, Hut ab. Nur mal so im Vorbei gehen.
Also ZEIT gelobt, assoziiert und mäandert, Stillleben erwähnt, da fehlt im Leben eines Formalisten nur noch eins:
die aktuelle Thommy Hilficker- Kampagne ist wirklich toll, weil geschmackvoll bunt, anti-puristisch, hemmungslos britisch und vor allem lebensfroh, aber der Laden in der Poststraße, den ich bei eben erwähntem Stadtbummel besuchte, hinterlässt leider eher das Gefühl von ‚Plünnen’, wie meine Mutti früher abschätzig Anziehsachen von minderer Qualität nannte. H&M auf höherem Niveau. Obwohl, soviel zu Thommys Verteidigung, ich einen Hilficker- Pullover besitze, der nach drei Jahren immer noch sehr neu anmutet. Mit dem war ich sogar mal im Fernsehen, als ich zu meiner Arbeit bei der Telenovela Rote Rosen interviewt wurde.
Was bin ich doch wieder für ein Tausendsassa.