In Referenzgewittern

Jan 3, 15:24

moi 3.1.12

Warum Monica Macchina Monaco?

Während unser noch- Präsident Herr Wulf also in Rechtfertigungsnöten steckt, befinde ich mich in der viel komfortableren Lage, eine Erklärung selber abgeben zu wollen, die, wie die Überschrift nahe legt, Zusammenhänge klären, Nähe herstellen und Zitate aufdecken will, ist doch die Überschrift schon dem Jünger-Ernst dankbar zu verdanken – ich befand mich vorher schon in Pudding- Gewittern, Schnaps- Gewittern, Assoziations- und Gefühlsgewittern.

Monica – die Bellucci, die Lewinski, Frauen, die Erotik transportieren und gleichzeitig klingt der Name nach einer anderen Zeit, meine Lieblingspuppe hieß schon so und das ist jetzt da müsst ich jetzt lügen, das war, lass mich mal nachdenken, in den frühen 70ern, als ich noch mit Puppen spielte, wie kleine Brüder das machen, wenn sie große Schwestern haben.

Monica – das klingt wie Bianca, Anita, Valentina, alle drei Heldinnen des Comiczeichners Guido Crepax, angeblich dem Mann, der die schönsten Hintern der gesamten Comicwelt zeichnen konnte. Sein Stil war aber auch ein Stück Zeitgeschichte, er orientierte sich seinerseits an Jazz- Plattenhüllen, z.B. von David Stone-Martin, einem begnadeten Illustratoren der 60er Jahre. Crepax zeichnete Comic-Versionen von ‚die Geschichte der O’ oder ‚Emmanuelle’. Vorher hatte er aber schon Serienweise erotische Heldinnen auf die Reise geschickt, dadaistisch, surreal, poppig – glückliches Italien der 70er Jahre. Bei uns gab es diese Schmuddelcomics nur in teuren Sammelbänden des 2001- Verlages, die ich mir nicht leisten konnte, als es sie gab.

Monica erweist also Herrn Crepax eine huldvolle Referenz und mit ihm den meist italienischen Comics seiner Zeit, in denen es vor schönen Autos, schönen Frauen und schönen Interieurs nur so wimmelte. So Leid mir das tut, Herr Milo Manara ist dafür kein vollwertiger Ersatz, auch wenn er zur Zeit ebenfalls in den 2001- Läden verramscht wird. Aber Manara ist jedenfalls ebenfalls ein begnadeter Zeichner mit vielen schmutzigen Ideen.

Um das Thema abzurunden: In den frühen 90ern gab es noch einmal so einen Hype um einen italienischen Comic, Fumetto heißen sie da. Der Comic hieß Dylan Dog und war wirklich nicht schlecht. Er verband sanfte Erotik mit sanftem Horror zu schwarz-weiß gezeichneten Comics, die halb Italien in der U-Bahn las. Der Autor und Erfinder der Reihe, Tiziano Sclavi, arbeitete mit der Zeichner- Crème Italiens zusammen, was einen zusätzlichen Reiz ausmachte, diese Comictaschenbücher zu inhalieren. Außerdem war Dylan Dogs Assistent niemand geringeres als Groucho Marx! Irgendwann war auch dieser Hype vorbei.

Keine Ahnung, vielleicht gibt es so was auch nicht mehr, seit in den öffentlichen Verkehrsmitteln smartphones die Lufthoheit übernommen haben. Ich will jetzt nicht nostalgisch werden, aber in der Schulzeit war es mir und ein paar Freunden vergönnt, jeden 2. Donnerstag die neue Zack- Ausgabe in Händen zu halten (franco-belgische Comic- Geschichten in Fortsetzungen, eine zeitlang meine Religion), die mein Freund Markus abonniert hatte. Was für ein Fest.

Macchina:
Irgendwo stand geschrieben, dass jeder gute Comiczeichner gut Autos zeichnen können muss. Ein hanebüchener Unsinn – das stimmt aber. Ein Comic hat einen Sound. Ein Comic hat eine massive Sog-artige Gegenwart, das macht seine Faszination aus. Wobei erschwerend hinzu kommt, dass jeder Leser seine Erzählzeit selber bestimmen kann. Aber Comics sind ein junges Medium und sie beschäftigen sich mit der Straße, dem Leben, der Welt, die uns umgibt. Ich widerspreche mir jetzt entschieden selber. Denn eigentlich ist der Comic natürlich ein grafisches, bildnerisches Erzählprinzip, mit aneinander gereihten Bildern und Texten Geschichten zu erzählen. Punkt. Ein Comic kann hunderte von Sounds mit seinen erzählerischen Stilmitteln zum klingen bringen. Aber da, wo Comics faszinieren, erkennt man immer eine, bestenfalls die eigene Gegenwart. Stilistisch, thematisch und auch rethorisch und politisch sind Comics rasend schnell und dadurch subversiv.

Heutzutage hat das Medium Film durch die technische Entwicklung und die Verbreitung übers Netz natürlich rasant aufgeholt und wohl auch überholt, aber ich bin dennoch der irrationalen Meinung, dass gute Comiczeichner gut Autos zeichnen können müssen (oder deligieren, wie Meister Hugo Pratt es gerne tat)! Ich möchte hier auch entschieden auf die Heftreihe Love & Rockets hinweisen. Oder auf Tank-Girl, die Comicreihe von Jamie Hewlett, dem Illustrator und mit Damon Albarn zusammen Schöpfer der Gorillaz- Welt. I ain’t happy, I’m feelin glad…

Macchina Nachschlag: sie stehen vor meinem Fenster in ihrer Eintönigkeit, ich sehe herab auf sie – silbermetallic fast alle, irgendwie rund und stromlinienförmig. Ich darf mich ihnen nicht entziehen in ihrer Hässlichkeit, ich muss mich ihnen stellen. Denn sie sind Teil unserer sichtbaren Welt. Eine Landschaft mit Atomkraftwerk dagegen werden sie vergeblich bei mir suchen. Es gibt Grenzen. Obwohl, wer weiß, vielleicht entdecke ich irgendwann den Jaques Tati in mir? Aber so weit ist es noch nicht, also weiter:

Monaco!
Gleich nach der ersten Veröffentlichung wurde ich Monaco-Franze gerufen von Herrn Hasenclever. Fühle mich geehrt, denn darin steckt eine Menge Humor. Und Referenz. Where shall I begin? Bei meinen unzähligen Besuchen in dem kleinen Fürstentum nehme ich mir immer die Zeit für einen kleinen Spaziergang im Garten des Casinos.

Ganz im Ernst: ich war nie nie nie in meinem Leben anfällig für Glücksspiel (gut, abgesehen von dieser kleinen Episode beim Pferderennen…). Das Casino fasziniert mich eher aus architektonischen Gründen und wegen einiger Deckengemälde, die Landschaft der Cote D’Azur darstellend, die ich wunderbar finde. Aber es geht immer weiter. Der schönste Stadtkurs der Formel 1. Ebenfalls komplett irrational, hier überhaupt ein Rennen stattfinden zu lassen (bei dem Überholen so gut wie unmöglich ist). Aber da fließt so einiges zusammen an Nostalgie, Glamour, europäischer Geschichte, Italien, Frankreich, Adel, Hollywood, Lagerfeld, alles dabei. Ein Kulminationspunkt. Und wie eine befreundete Mutter zu betonen nicht müde wird: gar nicht so teuer, wie alle denken. Ist natürlich das pure Understatement.

Es gibt dieses schöne Interview- Buch mit Francis Bacon von David Sylvester. Das klingt jetzt nach namedropping, erklärt sich aber, wenn man weiß, dass David Sylvester der Vater von Cecily Brown ist. Uff. Wer ist das jetzt wieder? Ordnen: Sylvester, Kunstkritiker und Kurator, bekannter Typ in England, weil er Lucian Freud und Francis Bacon unterstützte, verstorben 2001.

Cecily Brown, New Yorkish, erfolgreich als Malerin, große Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen vor ein paar Jahren, malt versauten aber undeutlichen Kram, hat ähnliche Referenzpunkte wie meine Wenigkeit (Poussin, Manara), ist nur unwesentlich bekannter als ich, sieht aber viel besser aus.

Bacon also lieferte mir in diesem Interview- Buch eine völlig neue Perspektive auf diesen romantischen Ort Monaco, nämlich die Sicht eines mittellosen, schwulen und spielsüchtigen jungen Engländers. Bacon spazierte jeden Tag ins Casino und ließ sich von reichen Typen aushalten. Der ganze oben erwähnte Scheiß interessierte ihn einen Dreck. Er wollte spielen, er liebte und wurde geliebt. Er brauchte Geld und er bekam es – eine Konstante in seinem Leben. Alkohol, Spielsucht, Sex aber sauerfolgreich von Geburt, unkaputtbar, eine Alpha- Forelle. Und ein toller Künstler, der sagte, „wenn man sich entschließt, Maler zu werden, darf man keine Angst haben, sich zu blamieren.“

Monaco als Ort von Ambivalenz, das ist der Grund für das schmuddelige Hintergrundfoto bei der neuen Bildergalerie meiner Seite: schmuddelige Hotelhandtücher. Doof gesagt: auch das ist Monaco. Und dann wäre da noch die Landschaft, sowieso, geschenkt, den Rest schicken wir zu, muss man nicht groß erklären, meine Lieblingslandschaft (Skandinavien kannst mir nackt vor’n Bauch binden außer wenn Munch es malt).

But well: last, but not ganz unwichtig, ist da Helmut Newton (mein Lieblings- Monaco- Foto von ihm ist leider in Los Angeles entstanden). Und der Helmut und ich, wir haben einige ähnliche Interessen. Humor, Zeitgeist, Luxus, Mode, Klassik in der Auffassung der Bilder, Stil und eine Laszivität, die mal in die eine, mal in die andere Richtung ausbrechen kann. Und von da aus: Monaco Franze, das geht in Ordnung.

Ein letztes: Das Blei unterm Aquarell ist neu oder immer mal wieder gelegentlich aber nicht regelmäßig benutzt. Ich bin mehr so der Malertyp, der mit Kohle malt, der Flächen anlegt, Farben variiert, mit dem groben Pinsel rumbutschert, hier was entdeckt, da was mit nimmt. Die Linie an sich gibt es auch dort aber das Blei ist so gnadenlos scharf, dass es eine Lust ist und ein Schrecken, und den wollte ich mir in diesem Jahr mal wieder geben, vor allem, weil mir das Blei beim Raffael- Abmalen allerliebst entgegen kam.

Entstehen tun nun Hanni- und Nanni-artige Mädchen, die hübsch und sexy sein wollen, das muss man jetzt mal ne Weile verfolgen, ob ich es nur zum Seepferdchen bringe in Blei oder vielleicht doch noch Frei-Fahrten-Jugend mache, die ja heute schnöde Bronze, Silber und Gold heißen. Aber der Clou: ich hab sogar DLRG!

Und beim Blei sind wir auch schon bei der letzten Referenz dieses langen Referenzgewitters angelangt: Was kommentierte Keith Moon scherzhaft zu einer angedachten Supergroup mit Jimmy Page? Richtig, das Ding würde abheben wie ein bleierner Zeppelin.

Und das würde mir durchaus reichen für Monica Macchina Monaco.

Hamburg, mal wieder Regen, im Januar 2012

Kommentare

  1. Geht doch!

    Dein Ignorant

    iuH

    der wieder mal was gelernt hat, Danke dafür!

    — iSche ut Hamm · Jan 3, 22:42 · #









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