Selbst in Manchester

31.01.2012 12:13

Tennessee Ulysses Hemjeoltmanns geht mit Raffael und Adolf Loos los und kauft sich eine neue Hose.

selbst in Manchester30.1.12

1. Akt:
Manufactum. Dort verkaufen sie ja bekanntlich Dinge aus den verschiedensten Welten unter der Prämisse zeitloser Qualität. Jetzt auch Cordhosen der Bielefelder Zunftwerkstätten FHB. Für ein Heidengeld. Aber das ist tatsächlich der stabilste Cord der Welt, der eben darum auch für Arbeitshosen verwendet wird. Manchesterhosen nannte man das früher. Mein Vater trug sie und wie das so mit Vätern ist (so sie denn anwesend sind), sie prägen einen auf die eine oder andere Weise. Ohne das hier zu freudianisch werden zu lassen, Manufactum verkauft eine sehr gezähmte, zivilisierte, domestizierte Form der Zunfthose, die auch der frierende Studienrat hervorragend tragen kann, wenn er mal wieder vergessen hat, Kohlen für den Bollerofen im Klassenzimmer zu kaufen. Aber ich verspürte plötzlich das Bedürfnis, die echte zu tragen, draußen klirrte die Kälte vor sich hin.

2. Akt:
Im Internet fand ich problemlos, was ich suchte, zum halben Preis und ausgestattet mit den typischen Handwerker- Insignien: Zollstocktasche, Doppelter Reißverschluss mit Fünfecken, Lederbesatz an den Taschen. Konnte es kaum abwarten, bis die Hose geliefert wurde, zog sie dann nicht an sondern stieg in sie hinein mit ihrem dicken steifen Cord. Ästhetisch ein Erlebnis – ein ins oliv gehendes beige und innen liegende Nähte in Rot, die Lederverstärkungen schwarz. Seitdem trage ich sie – sie ist perfekt als zuhause-Hose, Werkstatthose, Arbeitshose. Zudem ist sie sehr männlich, sicher war mein Vater früher das Sinnbild des Mannes ansich, er hatte als Maurer starke Hände, starke Arme und war im Sommer braungebrannt. Wenn es im Winter kalt und nass war freute er sich über ‚Binnenarbeit’ (im Gegensatz zu Außenarbeit, bei der man als Maurer gnadenlos dem Wetter ausgesetzt war.) Er fuhr Kreidler- Florett und wenn das Wetter zu schlecht war, hatte er ‚Schlechtwetter’, das heißt, wenn ich Mittags aus der Dorfschule kam roch die Küche nach Zigarettenrauch und da saß er gelangweilt und drehte Zigaretten aber ich freute mich immer, ihn zu sehen. Sonntags wurden damals manchmal Zigarren geraucht, das stank für uns Kinder bestialisch, wurde aber hin genommen, da kann man doch nostalgisch werden. Mit einer Zunfthose sitzt man breitbeiniger da, man geht auch anders und es ist wie mit stabilem, grobem Schuhwerk – man fühlt sich ein Stück weit unverwundbar. Nennt mich Siegfried.

3. Akt:
Mit dem älteren Sohn Klamotten kaufen in die Stadt, die elegante. Er kauft seinen Kram, ich kauf meinen – einen herunter gesetzten, sandfarbenen Cord- Anzug. Dann kauf ich noch ein Buch über nackte Weiber (was ihn noch nicht interessiert) und wir begeistern wir uns beide für Modellbau- Bäume bei Sport-Karstadt in der Spielzeugabteilung. Aber interessant der dialog über Kleidung auf der Rückfahrt: ziehen sich reiche Leute besser an als arme? (er kann nie so richtig einordnen, was wir denn nun sind, arm oder reich, er hält uns aber für reich, was manchmal zu Enttäuschungen führt) Ich stelle die These auf, dass man sich auch mit wenig Geld gut kleiden kann, dass es darauf ankommt, seinen eigenen Stil zu entwickeln und das geht sogar besser, wenn man über Flohmärkte schlendert als wenn man mit den Scheinen wedelt und den Boutiquenverkäufer anweist, einen einzukleiden. Reiche sind total unkreativ impfe ich meinem Sohn ein, denen wird der Hintern gepudert, das macht träge. Ist natürlich nur die halbe Wahrheit, ich weiß, aber ich denke, mit der Weisheit kommt er besser durchs Leben. Kreativität ist wichtiger als Wohlstand.

4. Akt:
Was hat das nun alles mit Kunst, Raffael und Adolf Loos zu tun? Oh je. Raffael, das versäumte ich im letzten Dezember zu berichten, als ich den Raffael- Starschnitt machte, Raffael war zwar ein bescheidener Kerl, was zum Beispiel Selbstporträts angeht, aber sein Auftreten in der Öffentlichkeit war eher Freddy Mercury als sagen wir mal die Black Keys, von denen ich immer nur Lederjacken und karierte Hemden sehe, was aber auch passt zu diesen grundsympathischen Jungs. Mann, bin ich auf der Höhe der Zeit. Raffael also war ein Popstar, während Michelangelo ein sauertöpfischer Kauz war, ausgestattet mit sogenannter Terribilita, der konnte schimpfen. Da Vinci dagegen war ein besorgter, übersensibler Feingeist, ein Ästhet und forscher, der auch ganz gut singen und Gitarre spielen konnte., ein Gesellschafter, ein Virtuose auf dem Parkett. Raffael mischte diese beiden Charaktere: er war ein Arbeitstier, wie Michelangelo und ein Popstar wie Da Vinci. Eine Freude, Raffael auf der Straße zu treffen, mit ihm zu plaudern, ihn zu Gast zu haben. Muss ich extra erwähnen, dass Raffael immer spitzenmäßig gekleidet war? Raffael, ein Mann, der Leichtigkeit ausstrahlte, ohne in den Verdacht zu geraten, ein Bruder Leichtfuß zu sein, ein Künstler, der mühelos Tiefe mit Unterhaltsamkeit verband, der Propaganda für den Vatikan machte und gleichzeitig Porträts und Madonnen malte, die einen Maßstab für Schönheit setzten, der heute noch gilt, auch wenn eine Raffael – Madonna heute für viele schon Kitsch ist. Seine Erfindungsgabe, sein Farbauftrag, seine Kompetenz – das alles machte ihn zu dem Künstler, der die Renaissance mit den beiden anderen zum Höhepunkt trieb und quasi zusammenfasste. Der danach auftretende Manierismus verdeutlicht, dass mehr als Raffael und Michelangelo und da Vinci einfach nicht möglich war – es musste umgedacht werden. Geh doch zum Feuilleton. Nur noch eins: Raffael starb im gesegneten Alter von 37 Jahren. Freddy Mercury wurde immerhin 46, wenn ich richtig rechne.

5. Akt:
Who the fuck is Adolf Loos? Wien: ein Haus wird gebaut, dessen Fenster ohne Gesimse auskommen. Skandal. Abgesehen davon, dass die Stadt Wien Skandale einfach gerne hat, der Architekt Adolf Loos hatte etwas gewagt, was damals ein Tabubruch war: er hat den Schnickschnack weggelassen. Mal weg von den Verzierungen. Puh, Skandal. Abgesehen davon, dass Loos damit ein Wegbereiter des Bauhauses war, das mir meistens viel zu sachlich war, zu wenig Oper, Barock, zu wenig Freddie Mercury, Sinnlichkeit, abgesehen davon musste da wohl mal jemand aufräumen um eine neue Tür aufzustoßen. Loos hielt damit damals ein wenig die Welt in Atem. Well, und dieser Adolf Loos, ein Freund von Kokoschka by the way, der stürzte sich liebend gerne in Unkosten und war der beste Kunde seines Maßschneiders. Und was sagte er, wenn er darauf angesprochen wurde? Er sagte (sinngemäß): „meinen guten Anzügen verdanke ich die Hälfte meiner Kundschaft! So fucking what?“ Recht hatte er.

Epilog:
Relax, you’re dressed, wie es in der Werbung heißt. Ich plädiere nicht für teure Kleidung, ich plädiere überhaupt für Kleidung. Im Sinne von Individualismus und auch im Sinne von Markus Lüpertz. Der übliche Scheiß. Frank Zappa meinte dazu nur trocken während eines Konzertes zu einem renitenten Zwischenrufer: everybody in this room is wearing a uniform. So don’t kidd yourself. (zu hören auf der tollen ‚Burnt Weeny Sandwich’.) Oder wie meine Mami zu mir meinte, als ich als Kind anlässlich einer Hochzeitsfeier meinen allerersten Anzug tragen durfte (second hand, of course): „Jetzt bist aber’n schicken Emil!“

(Na toll und kein Wort zu meinen neuen Bildern aus dem monegassischen Puff)

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In Referenzgewittern

03.01.2012 15:24

moi 3.1.12

Warum Monica Macchina Monaco?

Während unser noch- Präsident Herr Wulf also in Rechtfertigungsnöten steckt, befinde ich mich in der viel komfortableren Lage, eine Erklärung selber abgeben zu wollen, die, wie die Überschrift nahe legt, Zusammenhänge klären, Nähe herstellen und Zitate aufdecken will, ist doch die Überschrift schon dem Jünger-Ernst dankbar zu verdanken – ich befand mich vorher schon in Pudding- Gewittern, Schnaps- Gewittern, Assoziations- und Gefühlsgewittern.

Monica – die Bellucci, die Lewinski, Frauen, die Erotik transportieren und gleichzeitig klingt der Name nach einer anderen Zeit, meine Lieblingspuppe hieß schon so und das ist jetzt da müsst ich jetzt lügen, das war, lass mich mal nachdenken, in den frühen 70ern, als ich noch mit Puppen spielte, wie kleine Brüder das machen, wenn sie große Schwestern haben.

Monica – das klingt wie Bianca, Anita, Valentina, alle drei Heldinnen des Comiczeichners Guido Crepax, angeblich dem Mann, der die schönsten Hintern der gesamten Comicwelt zeichnen konnte. Sein Stil war aber auch ein Stück Zeitgeschichte, er orientierte sich seinerseits an Jazz- Plattenhüllen, z.B. von David Stone-Martin, einem begnadeten Illustratoren der 60er Jahre. Crepax zeichnete Comic-Versionen von ‚die Geschichte der O’ oder ‚Emmanuelle’. Vorher hatte er aber schon Serienweise erotische Heldinnen auf die Reise geschickt, dadaistisch, surreal, poppig – glückliches Italien der 70er Jahre. Bei uns gab es diese Schmuddelcomics nur in teuren Sammelbänden des 2001- Verlages, die ich mir nicht leisten konnte, als es sie gab.

Monica erweist also Herrn Crepax eine huldvolle Referenz und mit ihm den meist italienischen Comics seiner Zeit, in denen es vor schönen Autos, schönen Frauen und schönen Interieurs nur so wimmelte. So Leid mir das tut, Herr Milo Manara ist dafür kein vollwertiger Ersatz, auch wenn er zur Zeit ebenfalls in den 2001- Läden verramscht wird. Aber Manara ist jedenfalls ebenfalls ein begnadeter Zeichner mit vielen schmutzigen Ideen.

Um das Thema abzurunden: In den frühen 90ern gab es noch einmal so einen Hype um einen italienischen Comic, Fumetto heißen sie da. Der Comic hieß Dylan Dog und war wirklich nicht schlecht. Er verband sanfte Erotik mit sanftem Horror zu schwarz-weiß gezeichneten Comics, die halb Italien in der U-Bahn las. Der Autor und Erfinder der Reihe, Tiziano Sclavi, arbeitete mit der Zeichner- Crème Italiens zusammen, was einen zusätzlichen Reiz ausmachte, diese Comictaschenbücher zu inhalieren. Außerdem war Dylan Dogs Assistent niemand geringeres als Groucho Marx! Irgendwann war auch dieser Hype vorbei.

Keine Ahnung, vielleicht gibt es so was auch nicht mehr, seit in den öffentlichen Verkehrsmitteln smartphones die Lufthoheit übernommen haben. Ich will jetzt nicht nostalgisch werden, aber in der Schulzeit war es mir und ein paar Freunden vergönnt, jeden 2. Donnerstag die neue Zack- Ausgabe in Händen zu halten (franco-belgische Comic- Geschichten in Fortsetzungen, eine zeitlang meine Religion), die mein Freund Markus abonniert hatte. Was für ein Fest.

Macchina:
Irgendwo stand geschrieben, dass jeder gute Comiczeichner gut Autos zeichnen können muss. Ein hanebüchener Unsinn – das stimmt aber. Ein Comic hat einen Sound. Ein Comic hat eine massive Sog-artige Gegenwart, das macht seine Faszination aus. Wobei erschwerend hinzu kommt, dass jeder Leser seine Erzählzeit selber bestimmen kann. Aber Comics sind ein junges Medium und sie beschäftigen sich mit der Straße, dem Leben, der Welt, die uns umgibt. Ich widerspreche mir jetzt entschieden selber. Denn eigentlich ist der Comic natürlich ein grafisches, bildnerisches Erzählprinzip, mit aneinander gereihten Bildern und Texten Geschichten zu erzählen. Punkt. Ein Comic kann hunderte von Sounds mit seinen erzählerischen Stilmitteln zum klingen bringen. Aber da, wo Comics faszinieren, erkennt man immer eine, bestenfalls die eigene Gegenwart. Stilistisch, thematisch und auch rethorisch und politisch sind Comics rasend schnell und dadurch subversiv.

Heutzutage hat das Medium Film durch die technische Entwicklung und die Verbreitung übers Netz natürlich rasant aufgeholt und wohl auch überholt, aber ich bin dennoch der irrationalen Meinung, dass gute Comiczeichner gut Autos zeichnen können müssen (oder deligieren, wie Meister Hugo Pratt es gerne tat)! Ich möchte hier auch entschieden auf die Heftreihe Love & Rockets hinweisen. Oder auf Tank-Girl, die Comicreihe von Jamie Hewlett, dem Illustrator und mit Damon Albarn zusammen Schöpfer der Gorillaz- Welt. I ain’t happy, I’m feelin glad…

Macchina Nachschlag: sie stehen vor meinem Fenster in ihrer Eintönigkeit, ich sehe herab auf sie – silbermetallic fast alle, irgendwie rund und stromlinienförmig. Ich darf mich ihnen nicht entziehen in ihrer Hässlichkeit, ich muss mich ihnen stellen. Denn sie sind Teil unserer sichtbaren Welt. Eine Landschaft mit Atomkraftwerk dagegen werden sie vergeblich bei mir suchen. Es gibt Grenzen. Obwohl, wer weiß, vielleicht entdecke ich irgendwann den Jaques Tati in mir? Aber so weit ist es noch nicht, also weiter:

Monaco!
Gleich nach der ersten Veröffentlichung wurde ich Monaco-Franze gerufen von Herrn Hasenclever. Fühle mich geehrt, denn darin steckt eine Menge Humor. Und Referenz. Where shall I begin? Bei meinen unzähligen Besuchen in dem kleinen Fürstentum nehme ich mir immer die Zeit für einen kleinen Spaziergang im Garten des Casinos.

Ganz im Ernst: ich war nie nie nie in meinem Leben anfällig für Glücksspiel (gut, abgesehen von dieser kleinen Episode beim Pferderennen…). Das Casino fasziniert mich eher aus architektonischen Gründen und wegen einiger Deckengemälde, die Landschaft der Cote D’Azur darstellend, die ich wunderbar finde. Aber es geht immer weiter. Der schönste Stadtkurs der Formel 1. Ebenfalls komplett irrational, hier überhaupt ein Rennen stattfinden zu lassen (bei dem Überholen so gut wie unmöglich ist). Aber da fließt so einiges zusammen an Nostalgie, Glamour, europäischer Geschichte, Italien, Frankreich, Adel, Hollywood, Lagerfeld, alles dabei. Ein Kulminationspunkt. Und wie eine befreundete Mutter zu betonen nicht müde wird: gar nicht so teuer, wie alle denken. Ist natürlich das pure Understatement.

Es gibt dieses schöne Interview- Buch mit Francis Bacon von David Sylvester. Das klingt jetzt nach namedropping, erklärt sich aber, wenn man weiß, dass David Sylvester der Vater von Cecily Brown ist. Uff. Wer ist das jetzt wieder? Ordnen: Sylvester, Kunstkritiker und Kurator, bekannter Typ in England, weil er Lucian Freud und Francis Bacon unterstützte, verstorben 2001.

Cecily Brown, New Yorkish, erfolgreich als Malerin, große Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen vor ein paar Jahren, malt versauten aber undeutlichen Kram, hat ähnliche Referenzpunkte wie meine Wenigkeit (Poussin, Manara), ist nur unwesentlich bekannter als ich, sieht aber viel besser aus.

Bacon also lieferte mir in diesem Interview- Buch eine völlig neue Perspektive auf diesen romantischen Ort Monaco, nämlich die Sicht eines mittellosen, schwulen und spielsüchtigen jungen Engländers. Bacon spazierte jeden Tag ins Casino und ließ sich von reichen Typen aushalten. Der ganze oben erwähnte Scheiß interessierte ihn einen Dreck. Er wollte spielen, er liebte und wurde geliebt. Er brauchte Geld und er bekam es – eine Konstante in seinem Leben. Alkohol, Spielsucht, Sex aber sauerfolgreich von Geburt, unkaputtbar, eine Alpha- Forelle. Und ein toller Künstler, der sagte, „wenn man sich entschließt, Maler zu werden, darf man keine Angst haben, sich zu blamieren.“

Monaco als Ort von Ambivalenz, das ist der Grund für das schmuddelige Hintergrundfoto bei der neuen Bildergalerie meiner Seite: schmuddelige Hotelhandtücher. Doof gesagt: auch das ist Monaco. Und dann wäre da noch die Landschaft, sowieso, geschenkt, den Rest schicken wir zu, muss man nicht groß erklären, meine Lieblingslandschaft (Skandinavien kannst mir nackt vor’n Bauch binden außer wenn Munch es malt).

But well: last, but not ganz unwichtig, ist da Helmut Newton (mein Lieblings- Monaco- Foto von ihm ist leider in Los Angeles entstanden). Und der Helmut und ich, wir haben einige ähnliche Interessen. Humor, Zeitgeist, Luxus, Mode, Klassik in der Auffassung der Bilder, Stil und eine Laszivität, die mal in die eine, mal in die andere Richtung ausbrechen kann. Und von da aus: Monaco Franze, das geht in Ordnung.

Ein letztes: Das Blei unterm Aquarell ist neu oder immer mal wieder gelegentlich aber nicht regelmäßig benutzt. Ich bin mehr so der Malertyp, der mit Kohle malt, der Flächen anlegt, Farben variiert, mit dem groben Pinsel rumbutschert, hier was entdeckt, da was mit nimmt. Die Linie an sich gibt es auch dort aber das Blei ist so gnadenlos scharf, dass es eine Lust ist und ein Schrecken, und den wollte ich mir in diesem Jahr mal wieder geben, vor allem, weil mir das Blei beim Raffael- Abmalen allerliebst entgegen kam.

Entstehen tun nun Hanni- und Nanni-artige Mädchen, die hübsch und sexy sein wollen, das muss man jetzt mal ne Weile verfolgen, ob ich es nur zum Seepferdchen bringe in Blei oder vielleicht doch noch Frei-Fahrten-Jugend mache, die ja heute schnöde Bronze, Silber und Gold heißen. Aber der Clou: ich hab sogar DLRG!

Und beim Blei sind wir auch schon bei der letzten Referenz dieses langen Referenzgewitters angelangt: Was kommentierte Keith Moon scherzhaft zu einer angedachten Supergroup mit Jimmy Page? Richtig, das Ding würde abheben wie ein bleierner Zeppelin.

Und das würde mir durchaus reichen für Monica Macchina Monaco.

Hamburg, mal wieder Regen, im Januar 2012

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Mal loben.

19.12.2011 10:21

moi19.12.11

Heute mal loben: Es ist Montag früh, also alles sehr ungemütlich, getting up too late was a terrible mistake, wie Captain Beefheart auf der Zappa- Platte Bongo Fury erzählt, ich knabbere mein Brötchen, das, wie mir die Bäckereifachverkäuferin erklärt, Frischback genannt wird, was ich eine Beleidigung fürs Ohr finde, knabbere also und blättere wie immer als letztes den Wirtschaftsteil der ZEIT durch. Es ist die Ausgabe vom 15. Dezember 2011. Das Datum schreibe ich so explizit, weil jetzt hier etwas anfängt, was hier selten passiert, ich lobe, was das Zeug hält:

Also da ist ein Bericht, bzw. eine Art Zusammenstellung von Berichten und Interviews zum Thema Abschaffung des Kapitalismus. Ich sehe, dass das Teil einer Serie ist, die beschäftigen sich also seit fünf Wochen damit, wieso es dem Kapitalismus so schlecht geht und wieso er sich überlebt haben mag und füttern das ganze mit Recherche und Interviews. Und denken noch mal alles durch in Richtung Sozialismus und Kapitalismus. Und das ist total spannend.

Ein paar Tage vorher habe ich bereits ein Gespräch zwischen Sahra Wagenknecht und Heiner Geißler gelesen, dem sich philosophische Diskussionen über Gerechtigkeit anschlossen, es ging also durch die Bank (!) um die Occupy- Themen aber auch um das Unbehagen, das einen hier bei uns in der gemütlichen ersten Welt umtreibt, sobald man anfängt zu denken und einem die Kinder in Indien vorgehalten werden, wenn man seinen Teller nicht leer isst.

Ganz nebenbei wird einem noch klar, warum eine leichte Komödie (Rubbeldiekatz) nicht mehr sein kann als eine leichte Komödie. Und noch nebenbeier wird einem ein hervorragendes Stillleben von Chardin gezeigt aus einer Stillleben-Ausstellung in Karlsruhe, wo ich vor Jahrhunderten mal Kunst studiert habe, von Tschernobyl erschrocken war, der KSC noch in der ersten Liga spielte und ich mich größtenteils in Welten aufhielt, in denen Blixa Bargeld eine größere Rolle spielte als Thomas Gottschalk (siehe der letzte Gedanken- Erguss). Mit einem Satz: große Ausgabe des bürgerlichen Blattes mit dem Becksbierschlüssel vorne drauf.

Wir kriegen wir jetzt den Bogen zur Bildenden Kunst, um die es in meinem Blog meistens geht? Frei assoziieren ist ein herrlicher Luxus. Gerade löschte ich ein überflüssiges ‚ja’ aus meinem Satz und musste wie so oft an Andreas Bader denken, der Gudrun Ensslin oder Ulrike Meinhoff, ich weiß es nicht mehr genau, vorwarf, in einem Text zu dekadent und unsachlich zu schreiben. Ich bin da ganz auf Seiten von Gudrun und Ulrike, ich liiiiiebe es, unsachlich zu schreiben, wie gesagt, ich empfinde es als Luxus, die Gedanken wie einen unbegradigten Fluss mäandern zu lassen und mich von Eindrücken treiben zu lassen wie ein steuerloses Floß auf ebenjenem Fluss.

Der Raffael ist zu drei Vierteln erledigt und hängt über meinem Bett und ich freue mich darüber, auch wenn er etliche Schwächen eklatant zu Tage bringt, zum Beispiel meine eklatante Schwäche, Proportionen genau zu erfassen.

Chardin hat diese Probleme nicht. Seine Stillleben sind klein, können mit Vermeer nicht mithalten haben aber oft etwas muffig- staubig- schattiges, das einen großen Reiz aufs Auge ausübt. Habe mir am Sonnabend bei einem kräftezehrenden aber doch erfrischenden Ausflug in die Hamburger Innenstadt (4. Advent!) direktemang ein paar Bücher über Stillleben rauslegen lassen in der entzückenden Buchandlung Laatzen am Stephansplatz. Stillleben sind toll, möchte ich hier einfach mal gesagt haben, aber die wirklich tollen sind natürlich seltener. Wie so oft führen die Barockmaler die größte Sinnlichkeit im Umgang mit Farbe vor, mein Lieblingsstillleben möchte ich nur noch nennen, aber nicht darauf eingehen: Stillleben mit chinesischer Porzellandose von 1662 von Willem Kalf, seines Zeichens Holländer – nie Weltmeister gewesen aber malen wie die Teufel (Gemäldegalerie Berlin). Naja, man muss da vorsichtig sein, bei den Pietisten und Magermalern, aber Willem, Hut ab. Nur mal so im Vorbei gehen.

Also ZEIT gelobt, assoziiert und mäandert, Stillleben erwähnt, da fehlt im Leben eines Formalisten nur noch eins:

die aktuelle Thommy Hilficker- Kampagne ist wirklich toll, weil geschmackvoll bunt, anti-puristisch, hemmungslos britisch und vor allem lebensfroh, aber der Laden in der Poststraße, den ich bei eben erwähntem Stadtbummel besuchte, hinterlässt leider eher das Gefühl von ‚Plünnen’, wie meine Mutti früher abschätzig Anziehsachen von minderer Qualität nannte. H&M auf höherem Niveau. Obwohl, soviel zu Thommys Verteidigung, ich einen Hilficker- Pullover besitze, der nach drei Jahren immer noch sehr neu anmutet. Mit dem war ich sogar mal im Fernsehen, als ich zu meiner Arbeit bei der Telenovela Rote Rosen interviewt wurde.

Was bin ich doch wieder für ein Tausendsassa.

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Neues aus der Forschung

07.12.2011 16:45

Der Tennessee- Ulysses- Hemjeoltmanns- Forschung ist es gelungen, diesen Ausriss aus einem Brief an einen alten Schulfreund ausfindig zu machen, in der der Künstler noch mal notiert, was ihn an seinem Weihnachtsprojekt so fasziniert, aber lesen Sie selber:

“Mich beschäftigt im Moment mein Weihnachts- Starschnitt. Ich nutze mein tägliches Aquarell, um in den 24 Tagen bis Heiligabend jeden Tag ein 24tel einer Madonna von Raffael in Originalgröße zu kopieren (‚La Belle Jardiniére’, Louvre). Das macht mir großes Vergnügen, es ist für mich eine Annäherung an ein Gemälde, ich fühle mich, als würde ich einen Tag in Raffaels Schuhen herumlaufen, ich merke in jedem Detail das Handwerk und die Liebe, die er investiert hat.

Über meinem Bett wächst nun die Madonna heran, jeden Tag ein Stückchen mehr. Ich hole mir dadurch ein Stück des Louvre in die Wohnung, es hängt da, in der realen Größe und ist irgendwie körperlich präsent, ein Erlebnis. Und dadurch, dass ich die Einzelteile auf meiner website als download anbiete, kann jeder sie ausdrucken und dasselbe Erlebnis genießen.

Natürlich ist noch der Schritt der Übertragung dazwischen, meine unbeholfene Handschrift kratzt erheblich an der handwerklichen Perfektion des verehrten Kollegen Raffael, dazu kommt die Tagesform und die jeweilige Verfassung; aber das ist Teil des Konzeptes – ich mache meine Tagebuch- Notate und bringe die Madonna damit an den Rand der Unkenntlichkeit, aber Raffael ficht das nicht an, das Bild entfaltet (in meinen Augen) seine Aura selbst unter so widrigen Umständen, das fasziniert mich und deswegen trau ich mich da überhaupt ran: ich untersuche das Bild für mich aber ich huldige ihm auch. Es geht nicht um eine Neu- Interpretation, das würde ich mir einfach nicht anmaßen.”

Sind wir wieder schlauer. Ihre Forschungsabteilung.

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That's Entertainment

04.12.2011 15:08

Gottschalk 4.12.11

Es war in Mannheim. Anlass war eine Familienfeier, der Geburtstag einer Tante meiner späteren Ehefrau, diese Tante hat nur alle vier Jahre Geburtstag, daher erinnere ich mich, dass es an einem 29. Februar war. Und so war es denn winterkalt aber ausgelassen und unbeschwert; die Liebe war jung, ein Wochenende in einer anderen Stadt, gutes Essen am Ufer des Rhein. Eine Freundin meiner zukünftigen Ehefrau hatte sich noch aus Wiesbaden zu uns gesellt und mit uns gefeiert.

Wir blieben bis zuletzt, wie das so unsere Art war, tranken, lachten und rauchten, weil das damals noch normal war, in geschlossenen Räumen. Wenn man auf die Terrasse ging, stand man direkt am Ufer des Rhein und sah eine der Rheinbrücken in angenehmer Distanz. Die Freundin aus Wiesbaden erzählte zu fortgeschrittener Stunde, weshalb sie eigentlich gekommen war, obwohl sie gerade frisch verliebt in einer neuen Beziehung steckte. Der Typ, nennen wir ihn Heiner, hatte in der ersten oder zweiten Woche ihrer frischen Beziehung vorgeschlagen, am Abend ‚Wetten dass…’ zu sehen. Nachdem wir uns alle von dem fast hysterischen Gelächter erholt hatten, das nach dieser Aussage einsetzte, erklärte sie noch, dass der Typ aber sehr nett sei. Meine zukünftige Ehefrau erwiderte nur, „… nett ist auch die Kuh auf der Wiese“. Sie kann zuweilen sehr trocken sehr treffende Dinge sagen.

Die Beziehung zwischen der Freundin und nennen wir ihn mal Heiner hielt wie man sich denken kann nicht mehr besonders lange nach diesem Abend. Was uns zum Anlass dieser kleinen Erzählung bringt: ‚Wetten dass…’ war schon immer, so lange ich zurückdenken kann, eine zutiefst spießige Angelegenheit, der man als Jugendlicher nichts abgewinnen konnte, es aber irgendwie akzeptierte. Man sah es aus Geselligkeit mit, weil die Eltern es schauten und man erst danach in die Disko aufbrach. Der Berufsjugendliche Gottschalk war schon damals eine Art SPD der Unterhaltung – das geringere Übel.

Meine große Schwester hatte mir in ganz jungen Jahren mal eine Sendung empfohlen, in der ein verdammt lustiger junger Typ in Jim- Morrison-Lederhosen extrem schlagfertig eine Sendung im Bayrischen Fernsehen moderierte, die sogar irgendwie modern wirkte – Telespiele. Da spielten irgendwelche Leute Spiele auf dem Bildschirm, es gab damals in den frühen 80ern die ersten Spielkonsolen, an denen man eine Art Tennis spielte. Das war Gottschalk und er blieb immer dabei. Was man ihm zugute halten muss: er wollte immer nur unterhalten. Ein paar gute Sprüche von ihm schafften es auf den Schulhof: Sieh mal, der Limahl (Sänger der Gruppe Kajagoogoo). Er hat das Ding gewuppt. Übernahm ‚Wetten dass…’ von dem tranigen Oberlehrer Frank Elstner, das konnte ja nur besser werden. Dann Gottschalks Versuch in der latenight, der im Grunde nur sein Profil als Entertainer schärfte, Gottschalk kann einen üblen Hetzer wie Schönhuber nicht vorführen, weil es gar nicht seinem Jobprofil entspricht – Experiment gescheitert. Es tat nie weh, Gottschalk bei der Arbeit zuzusehen (außer meinem Vater, der ihn vom Anbeginn aller Tage hasste), er hat seinen Job also brillant beherrscht mit seinem Haarteil und seinen Mooshammer- artigen Klamotten, die ich folgerichtig fand. Und in der Retrospektive muss man sagen, er war doch wirklich besser und frischer als diese Papis, die es vorher gab: Thööölke, Kuhlenkampf, Elstner, Schanze, das wirkte, als hätte es die 68er nie gegeben, das war Eltern- TV, wie gesagt, er war das geringere Übel. Aber ein Held war er nie, zu keiner Zeit. Und als der Titanic- Redakteur ihn damals mit der Buntstift- Wette reinlegte, da freute man sich einfach. Dem mainstream ein Schnippchen geschlagen, denn das assoziierte man mit Gottschalk: Haribo, ZDF, Bayern München, Springer.

Bleibt die Frage, was man von solchen Sendungen überhaupt halten soll. Der Konsens geht verloren, gewiss, es gibt kaum noch etwas, was sich die ganze Familie zusammen anschaut, ein strukturelles Problem, denn Fernsehen verliert in diesen Tagen seine Einzigartigkeit und damit auch ein Stück Magie. Aber Konsens bedeutet auch, dass es niemand wirklich geliebt hat, oder? Es war einfach immer da. Wie die Gezeiten, vielleicht auch das eine Leistung. Und was bedeutet das überhaupt, Unterhaltung? Oder gar intelligente Unterhaltung? (a propos: Haben sie gestern bei der letzten Wettendass-Sendung das Jackett von Günter Jauch gesehen? Schlimm, dieser Steifbock, der einem immer als intelligent und pointiert verkauft wird, aber meistens nur Fragen vorlesen muss und berechtigterweise gerade an der Talkshow- Klippe herumschlittert.) Was ist überhaupt Unterhaltung?

Brot und Spiele, man kennt das, die Nachrichten im Radio enden fast immer mit einer Sportmeldung, weil man darüber die ganzen Hungersnöte und Erdbeben und Kriege vergessen kann, wenn der Lieblingsverein noch ein Unentschieden geschafft hat. Worum ging es noch mal? Spiele, Unterhaltung. Ist es, so schoss es mir heute sehr früh durch den Kopf, nicht ein paradiesischer Zustand, wenn der Mensch so viel Zeit für Spiele hat? Ein Zustand einer reichen Gesellschaft? Was bedeuten Spiele? Der Homo ludens. Punkt punkt punkt. Wir definieren uns als tollste, überlegenste Lebewesen auf diesem Planeten, weil wir wissen, dass wir sterblich sind und weil wir spielen. Und weil wir Kunst machen. Gehört alles zusammen aber deswegen muss ich diesem ganzen Unterhaltungskram nichts abgewinnen, oder? (Und man muss auch kein ausgesprochener Spielverderber sein, um den Zustand der Menschheit auf diesem Planeten als nicht gerade paradiesisch zu empfinden.)

Jeder lasse sich von dem beglücken, was ihn beglückt. Intelligente Unterhaltung klingt erst recht doof, oder? Hat man nicht ein Recht, seine Intelligenz an der Garderobe abzugeben, wenn man unterhalten werden will? Außerdem, wann will man denn unterhalten werden? Wenn man zu wenig in der Birne hat, um sich selber zu unterhalten? Unterhaltung teilt die Menschheit schließlich in zwei Gruppen ein: Unterhalter und Konsumenten. Und Konsum macht passiv und dick! Und damit der Artikel genauso unausgegoren vor sich hin assoziiert wie der geneigte Leser es in dieser unregelmäßig erscheinenden Kolumne gewohnt ist, schließe ich mit einem Zitat von Pastewka/Engelke, die in der Verkleidung als Heimatmusik- Deppen dem Gottschalk ein Grußwort widmen durften, das immerhin einige Spitzen enthielt (für uns warst du immer der deutsche Lippert…). Sie beendeten ihre Einspielung mit den Worten: … und wenn es der Gottschalk nicht mehr macht … dann macht’s ein anderer. Tschüß, Eltern- TV, tschüß TV- Unterhaltung at all, I hope, we’re coming into something better. (Frank Zappa zur Schließung des Filmore East)

Nicht schlecht gelaunt, nicht kulturpessimistisch, nur etwas verdrossen von grundlosen Nostalgie- Anfällen. Jeder kriegt die Unterhaltung, die er verdient oder wie Jan Delay singt: „wir haben keinen Miles Davis, noch nicht mal einen Sinatra …“

(Not very) produced by

yours sincerely

TUH

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