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Anfang 2017

26.01.2017 15:06

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„Meine alljährliche Beschäftigung mit den alten Meistern führt mich dieses Jahr zu Hieronymus Bosch, dessen Johannes auf Patmos ich ganz toll finde. Ein Bild, obwohl aus einem Guss, mit so vielen Nebenschauplätzen, fast wie ein Comic: Ganz oben die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind, darunter der surreale Engel, der Johannes die Blickrichtung vorgibt, dann die blass-Rosa Figur des Johannes, dessen Kopf ich allerdings mit dem Profil von Monica Bellucci ersetzt habe, einer meiner Lieblings-Schönheiten aus Film und Fotografie, Du wirst sie kennen .

(…)

Also ein weiblicher Johannes. Unten steht ein Adler, Symboltier des Johannes, wie ich lesen durfte, der das Tintenfass des Johannes bewacht, und ganz rechts unten in der Ecke drückt sich ein böse schauender Teufel herum, blass und mit Skorpion-Schwanz. Die Landschaft liebe ich, es ist das Holländer – das Flamenblau, das ich bei Brueghel liebe, bei Joachim Patinir, und eben bei Bosch, dessen apokalyptischen Bilder ich neben den wahnsinns-Figuren-Erfindungen auch als Landschaften total toll finde, ich liebe diese Farbigkeit, das blasse aber intensive Blau in der Ferne. Ja, und ich liebe alte Malerei – so sehr, dass es mir Spaß macht, mir jedes Jahr ein Motiv zu suchen, das ich [jedes Jahr als quasi-Adventskalender] in 24 Teile aufrastere und in Originalgröße abmale, diesmal sind es nur 43 × 63 cm, aber welche Intensität! Ein großes delikates Vergnügen für mich, Quadrat für Quadrat nachzuvollziehen, was der Kollege da fabriziert hat.
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Eigentlich wollte ich mich dabei ganz auf Raffaels Madonnen konzentrieren aber dieser Johannes auf Patmos gefiel mir auch als Kommentar zur Zeit sehr gut, ich könnte mir vorstellen, dass sich im Moment viele Menschen wünschen, sich aus all dem gruseligen Alltag heraus zu ziehen und allein in der Natur mit dem Tintenfass die Binnensicht zu kultivieren. Die Visionen, das Geistige, das schließlich der Ursprung ist von allem.“

Auszug aus einem Brief an einen alten Freund, der mir Einleitung sein soll zu der Erklärung des neuen Jahresmottos für 2017, das da lautet:
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(A N L E I T U N G F Ü R) M A N Ö V E R
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Der Johannes, die Reaktion auf die Weltläufte, meine Beschäftigung mit Religion (bäuerlich, grob, naiv), mein Verdruss darüber, dass die Dinge nicht schnell genug vorangehen, aber vor allem eine grundlegende Unsicherheit führen mich zu diesem Motto. Manöver ist ein Wort mit kriegerischem Unterton. Frank Zappa benutzte es allerdings auch, um sexuelle Aktivitäten zu umschreiben („… in order to get this text on television“, Roxie and Elsewhere) und diese Doppeldeutigkeit kommt mir gerade recht, um die widerstrebenden Gefühle unter einen Hut zu bekommen, die mich umtreiben.
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Manöver, im Öffentlichen wie im Privaten: um unsere Existenz abzusichern, unsere Tätigkeiten abzusichern, aber auch, um den Feind zu beeindrucken, Stellung zu beziehen, das schwarze Meer zu befahren, die Opposition in Schach zu halten, Wahlen zu gewinnen. Eine kriegerische Zeit, die an Brechts Zitat denken lässt: „Alles, was öffentlich passiert, ist auch politisch.“
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Verunsicherung, Rechtsruck, geschlossene Grenzen, Wandel und die Sehnsucht der Menschen nach Halt, nach Heimat, nach Sicherheit. Ja was bilden die Menschen sich denn ein? Dass immer alles so bleibt, wie es nie war? Früher war mitnichten alles besser! Trump-Wähler haben angeblich Sehnsucht nach den USA der 50er Jahre. Urgs.

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Was für Manöver? Manöver der nackten Körper einen Nachmittag lang im halbdunklen Raum, Manöver, den Bomben auszuweichen, Manöver zweier Männer, sich gegenseitig in höherer Stellung vermutend, Manöver des Überlebens, Manöver von Staaten, die aufrüsten und das Militär wieder bedenkenlos in den Vordergrund rücken, unerträglich, diese leidigen Parallelelen zu der Zeit vorm ersten Weltkrieg, her mit dem Kokain!
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Was muss ich in der Wilhelmhavener Zeitung vom 27. Dezember 2016 lesen? Der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Andreas Krause darf sich gleich auf der Titelseite kriegstreiberisch zu Wort melden: Wir müssen der Landesverteidigung mehr Bedeutung beimessen. Zitat: „Wir haben uns zu weit in einer Friedens-Euphorie gewähnt.“ Russland setze seine Ziele militärisch durch. Höhepunkt und Schluss der kleinen Kampf-Einstimmung: „Zu unserem Beruf gehören Kampf, Verwundung und Tod.“

Weißt du Bescheid!

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Und bevor ich nun das Wort Manöver ohne weiteren Zweifel für tragfähig befinde, ein ganzes Jahr lang Motto zu sein für mein 2017 im Internet, bevor das also passiert und der Laden wieder eröffnet wird, stoße ich auf etwas Anderes, das ich Ihnen nicht vorenthalten möchte, weil es so unterhaltsam ist, und obwohl also nur Spielerei und Kapriole doch auf unernste Weise zum ernsten Thema kommt.

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Vor dem Wort Manöver schwirrte mir nämlich das Wort Feldherrnhalle durch den Kopf. Warum?

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Die Zeiten erfordern das Verhalten von Feldherren, denke ich (Wie steht es um dieses Land? Wie um Europa? Was würde dich dazu bringen, das Land zu verlassen? Wie könnte eine linke Antwort auf den Rechtsruck aussehen?) Ich google also gleich mal, was es mit der Feldherrnhalle in München auf sich hat und stoße auf Erstaunliches:

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Die Feldherrnhalle in München wurde erbaut, ein Obrigkeitsgebäude erster Güte, an der Stelle, wo vorher die Kneipe Bauerngirgl stand.

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Was für ein schöner Kontrast, denke ich – als Norddeutscher ohnehin fasziniert vom lieblich-exotischen Klang des Wortes Bauerngirgl, augenblicklich fasziniert von der ordinären Bauerngirgl, die mir sofort in den Sinn kommt, dieser drallen, leicht vulgären Magd mit den hochgeschnürten Dutteln, die auch mal gegen geringen Obolus mit einem der Gäste ins Heu geht aber das Herz am rechten Fleck hat, während sie Schweinebraten und Bier durch den Schankraum balanciert.

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Ein Ort von draller Lebenslust, Geselligkeit und Gedankenaustausch wird also 1841 ersetzt durch das von oben diktierte Andenken an das ganze bayrische Heer, an zwei Generäle und zwei Reiche: Bayern und Preußen, symbolisiert durch zwei Löwen, formal deutlich angelehnt an das architektonische Vorbild: der ‚Loggia dei Lanzi’ aus Florenz. Kriegerische Zeiten. Auch die Renaissance war eine kriegerische Zeit.

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Am Morgen des 9. November 1923 kam es dann noch zum Marsch auf die Feldherrnhalle, Hitler und seine Getreuen wollten putschen, kamen aber nicht weit, es wurde blutig – man sieht, wie schnell sowas ernst werden kann. Der ganze Nazi-Kack. Putschversuch, Nazis, das kommt einem seit dem Putschversuch in der Türkei alles so bekannt vor. Nur dass die Rollen am Bosporus vertauscht scheinen – wie schnell der Staat die Daumenschrauben noch weiter anzieht, wie schnell eine Gesellschaft brutal umgebaut werden kann. Demokratie ist ein Geschenk, dass offenbar doch täglich verteidigt werden muss.

Wie schnell man das vergisst.

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Oh Feldherrnhalle, Statthalter des militaristischen Denkens, wann wirst du wieder übernommen von der Bauerngirgl, diesem drallen, wollüstigen Weib, tief dekolletierte Schwester der Bavaria, die uns Bier und Braten und gute Gedanken voller Lust in die erregten Münder schiebt? Ebenso Schwester der Freiheit, die mit entblößter Brust das Volk anführt, über die Barrikaden, von Delacroix schwungvoll ins Bild gesetzt.

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Oh Feldherrnhalle, kalte Übernahme der Bauerngirgl, heiße private Gedanken überführt in kaltes staatliches Gedenken, man müsste ein Ritual zum Gedenken der Bauerngirgl veranstalten, ein love-in, am besten gleich eine Orgie, um die Energie zurück zu transformieren …

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Transformation – 1982 in Kassel schmolz Joseph Beuys auf der Documenta 7 eine Zarenkrone ein und goss aus dem flüssigen Metall einen Friedenshasen. Transformation der Symbole, von Kälte zu Wärme – (aber auch vom herrschaftlichen Ernst zum humorvollen kleinen Nager, der sich mit Überleben bestens auskennt, wo die Krone ihre Diamanten an der Seite, hat der Hase die Augen sitzen, für den perfekten Rundblick).

35 Jahre ist das her. Transformation – ein Denkanstoß für Zeiten, in denen einem Manöver in den Sinn kommen. Beten wir, dass es nur um Sex geht.

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the Fortsetzung: Hemjeoltmanns tanzt den Tanz Was-ich-sah.

24.04.2014 09:35

Um an dieser Stelle keine künstliche Spannung aufzubauen: bei mir ging der Daumen runter, was natürlich automatisch zu Gedanken führte wie: ‚Das hätte jetzt ja auch mal klappen können.’ Von ca. 50 Bewerbern wurde eine Bewerberin aufgenommen, die Gründe entziehen sich mir genauso wie die Arbeiten der glücklichen Künstlerin, denn die waren schon weg, als ich meine Sachen abholte, aber der Reihe nach.

‚Think of London, a small City,…’ sang David Byrne von den Talking Heads bereits ca 1980, aber so small fand ich es gar nicht. Alles wirkte etwa drei Nummern größer als Hamburg, das ich leider Gottes als Maßstab nehmen muss, da ich es jeden Tag sehe. Es war auch nicht mein erster Besuch in London, was mich darüber hinweg tröstete, dass ich nicht in ein einziges Museum ging, da die Zeit so knapp war. Aber wenn eine Stadt faszinierend ist, will ich eigentlich auch immer nur durch die Straßen, Straßen fressen, Menschen fressen, Geräusche, Gerüche fressen, den Sound mitkriegen, das Tempo, … wir sind in dem mäandernden Text bei Kerouac angelangt, immerhin. Ich leg mal John Coltrane auf.

Die Fassaden … diese Fassaden, die großzügigen Fenster, die gemalten Kneipenschilder, gold auf schwarz, die prachtvollen Fassaden, die in die Höhe wachsen und verblassten bzw. historischen Empire- Reichtum ausstrahlen, sie bauen gerade eine neue U-Bahn durch die City und Theresas Freund Azeem, den wir in der Nähe von Marble Arch trafen, immer das I-Phone in der Hand, zeigte uns sein Flat in einem wunderbar poppig renovierten Hochhaus, zeigte uns Londons Innenstadt und zwar vollständig, den Eindruck hatte ich wenigstens, mir schwirrte der Kopf, Carnaby Street im vorübergehen, mein Gedanke, so wird das Schanzenviertel auch mal aussehen, Oxford Street, Abkürzungen durch Straßenrestaurants, Galerien, Herrenschneider, Touristen Touristen Touristen, riesige italienische Boutiquen, Banken, Autohäuser, Souvenirläden und Musicals, in denen Hollywoodstars mitspielen – eine elektrisierende Gegenwart von Welt, die mich bisher noch an jeder anständigen Großstadt faszinierte, erwähnte ich, dass ich vom Land komme? Das geht nicht weg, hat aber Vorteile, man kriegt viel geschenkt mit dieser Herkunft.

Im ‚Yallayalla’, einem engen niedlichen Café mitten in Soho saßen wir und tranken Pfefferminztee und redeten über Gott und die Welt. Azeem gehört zu den Gründungsmitgliedern der Gay Muslims. Daran fasziniert mich zweierlei: erstens die Tatsache, dass es progressive Moslems gibt, die aktiv daran arbeiten, ihren Glauben zeitgemäß zu leben und geradezu gezwungen sind, Tabus zu brechen und mutig für ihre Einstellung einzutreten, Hut ab. Das andere, was mich faszinierte: dass man sofort in einen Dialog treten kann über Religion und meistens relativ schnell auf das Bedürfnis stößt, den Laden aufzumischen und alte Zöpfe abzuschneiden. Daher stammt mein Ansatz, über reformierte sakrale Räume nachzudenken. Weil die Reform in der Luft liegt.

Für Azeem war auch mein Gedanke, dass Juden, Christen und Moslems alle an denselben Gott glauben, ein alter Hut – die abrahamitischen Religionen, ooops, stimmt ja. Auch die ewige Streitfrage, wie das gehen soll, dass Jesus gleichzeitig Mensch und der Sohn Gottes ist, war für Azeem keine große Sache: eine Metapher – sind wir nicht alle Kinder Gottes? Wie mich das freute, meine relativ islamisch geprägte These lautet ja, dass Jesus und Mohammed beide Propheten waren und dass jeder, der – wie auch immer – an Gott glaubt, ein Prophet ist (das pfropft sich selbstverständlich auf Beuys’ bekannte These, nach der jeder Mensch ein Künstler ist). (Und auch hier in religiösen Belangen gilt das geflügelte Wort Bob Dylans: Don’t follow leaders, watch the parking meters.’)

Keine Ahnung, ob das nur ein Nebenkriegsschauplatz ist, aber es macht etwas deutlich: Gleichberechtigung und Toleranz zwischen den Religionen sind schwer vonnöten. Schwere Geburt. Ich will hier auch gerne noch mal betonen, dass ich weit davon entfernt bin, ein religiöser Eiferer zu sein, erst recht kein Moralist, aber das Thema interessiert mich einfach, spätestens seit Istanbul, wo ich konfrontiert wurde mit einer vergangenen Epoche religiöser Toleranz. Azeem zeigte mir eine Typografie des Wortes ‚coexist’ auf seinem I-Phone, in dem das Wort aus lauter religiösen Symbolen gebildet wurde, man kann das gerne mal googeln.

Worum geht es hier?

Meine künstlerische Vita begann nach dem Kunststudium ein paar mal neu: zuerst in meinen Versuchen, Comiczeichner zu werden, dann im Versuch, Drehbuchschreiber zu werden, dann in der Wiederkehr der Malerei, die sich pathetisch gesprochen Bahn brach in der dekadenten Umgebung eines Robinson- Clubs in Side bei Antalya, wo ich nach achthundert gefühlten Ewigkeiten endlich mal wieder ein Ölbild malte, im Atelier eines Robinson- Clubs, wie geil ist das denn? Auf einer Billigleinwand auf Keilrahmen 50×70, ich weiß es noch genau, es war wichtig für mich und es war natürlich eine Landschaft, sie hängt heute hinter mir in meinem Rücken an der Wand und vermittelt mir das Gefühl der Gewissheit, dass es irgendeine Art von Kontinuität gibt in meinem Leben bei all dem Gewurschtel. Im weiteren Verlauf meiner künstlerischen Betätigung bis heute ging es mir eigentlich immer um zwei, drei immer wiederkehrende Motive:

Ein Bild der Welt, Verarbeitung der Welt in Bildern, Geschichten, Objekten, schließlich Weltverbesserung. Ja – und Erotik! Jeder Mensch ist ein Künstler, ein Prophet, ein Geistwesen, ein Medium. Und es wäre gut, wenn jeder Mensch, zumindest auf Teilgebieten und zu bestimmten Zeiten, auch noch ein Rebell, Revolutionär, Sexgott und Rocker wäre.

Nach einem Besuch des Portobello- Marktes und einem Besuch bei einem Inder (in London muss man indisch essen gehen, das macht die Reisekosten erträglich), wo wir vom Kellner nebeneinander an den Tisch gesetzt wurden, so dass wir uns fühlten, wie in einem Wes-Anderson-Film, nach einer einer unterhaltsamen London- Rundfahrt im offenen Doppeldeckerbus (ja, es regnete) gingen wir schließlich über die Millenium- Bridge – eine moderne Fußgängerbrücke, die irgendwo bei Harry Potter in die Luft fliegt. Man geht in direkter Linie von der St. Pauls- Cathedral (you know, Charles & Diana…) über die Themse auf die Tate Modern zu, die auf der anderen Fluss- Seite liegt. (Ständig dachte ich an Daniel Craig, der als James Bond mal mit einem Motorboot über die Themse zu einer Pressekonferenz gesaust kam.)

Neben der Tate Modern, einem modernen Palast moderner Kunst, extra geklont für Olafur Eliasson, den langweiligsten Künstler des Universums, liegt ein kleiner gedrungener Mehrfamilienwohnkomplex in gelbem Klinker. Im Erdgeschoss dieses Reliktes einer Sozialbaugeschichte aus den 70ern, lange vor ‚New Britain’, lange vor dem London Eye und der Millenium- Bridge gebaut, in diesem Gelbklinker- Komplex, genannt Bankside Gallery, residiert die ruhmreiche Royal Watercolor Society, die sich erdreistete, mich als assoziiertes Mitglied abzulehnen.

Dass meine Bilder dort lagerten, inmitten vieler anderer Bilder anderer Bewerber, hatte eine konkrete Aussage: dass ich nicht genommen worden war, denn im Falle einer Aufnahme wären meine gerahmten Bilder sofort in eine Ausstellung gewandert. Ich packte also meine Sachen zusammen und verduftete. Und in diesem Zusammenhang muss ich natürlich ein Geständnis machen: wesentlich lieber als in dem gelben Klinkerbau würde ich natürlich in der prachtvollen Kunst- Kathedrale Tate Modern ausstellen und ich hielte es auch für angemessener.

Und gestern? Hatte ich plötzlich Angst vorm Altwerden, ich sah diese bestimmte Art reifer Männer auf dem Flohmarkt. Ungesellig, griesgrämig, abgetragene Klamotten, die aber einem Konzept folgen, schlecht rasiert, die Haut trocken und faltig, die Haare spärtlicher werdend, und immer noch mit einem Maximum an Wissen ausgestattet immer noch auf der Suche nach Vinylplatten! Der Flohmarkt war relativ voll von diesen Genossen. Ich befinde mich zur Zeit in einem ähnlichen Alterssegment aber ich möchte nicht so werden wie sie. Ich möchte nach vorne blicken (Achtung, Geständnisse von einem, der von der RWS abgelehnt wurde!), ich möchte mir weiter Gedanken über Weltverbesserung und Utopien machen, über Moderne nachdenken und Fortschrittgläubigkeit, gleichzeitig über Martin Luther und David Hockney und Anselm Kiefer und Gustave Courbet mir Gedanken machen und über Picasso, Dita von Teese und Lars von Trier und Salinger und Wes Anderson und die neuen Platten von Jack White und Damon Albarn und Lady Gaga. Ich will möglichst verhindern, tot zu sein, bevor ich gestorben bin. Und nie einen Drink oder eine Pointe ausschlagen. Eieiei, ich mach mich nackig, dumm und angreifbar. Dazu fällt mir ein Zitat der wunderbaren Musikerin Lauryn Hill ein: „… seit mich alle für bekloppt halten, komme ich wesentlich leichter durchs Leben.“ (Sinngemäß erinnert und übersetzt). Und dann lacht sie ein unglaubliches Lachen.

Religion ist Bestandteil des Weltwissens und Welt- Befindens genau wie Popkultur, Werbung, Design, Politik, Sport und Bildende Kunst. Da ist es denke ich berechtigt, Religion zu untersuchen und Aussagen über Religion zu treffen – gerade weil Glaube nicht nur Berge versetzt sondern auch für Krieg, Überbevölkerung, Armut und Diskriminierung zuständig ist. So, jetzt ist es mal gesagt. Ich schreibe gerade einen Roman zu diesem Thema. Ist das auch mal raus. Ganz in echt, ich schreibe einen Roman! Weil ich ein elender Reisender zwischen den Welten bin. Weniger tägliche Aquarelle bedeuten eben manchmal mehr Literatur oder auch mehr großformatige Malerei oder Installation oder Drehbücher. Oder auf Reisen, wie Holly Golightly, die Süße aus ‚Frühstück bei Tiffany’ von Capote. Gewurschtel eben. Rumgewurschtel.

Sich absentieren aus dem Schoß der Familie, sich vereinsamen für ein paar Stunden um sich mit sich selbst zu konfrontieren, im Endeffekt mit Tod, Zerfall und Einsamkeit, und ein Flohmarkt in Hamburg Barmbek bei bewölktem Himmel ist immer beides: Konfrontation mit Vergänglichkeit und Tod genauso wie Konfrontation mit Welt, denn jeder Basar öffnet über Dinge, über Objekte, Türen in Welten, hat weiter gedacht auch was von Alchimie, wie die Ideen sich zu Objekten materialisieren und die Objekte die Ideen transportieren.

Sybille-Berg-Kolumnen lesen, Gedanken machen über die Marsverpackung heute und gestern, Angst vor alten Männern haben, was Angst vorm Tod bedeutet, Tonio-Kröger-Gefühle haben, eine ganz alte Sache, Tonio Kröger ist eine Erzählung von Thomas Mann über einen Schriftsteller, der sich nach einer bürgerlichen Existenz sehnt, aber nur arbeiten kann, wenn er außerhalb dieser bürgerlichen Existenz lebt, ein gelebter Widerspruch, eine Metapher für künstlerisches Arbeiten. Kann man als Tragödie auslegen, muss man aber nicht, das liegt ganz am Naturell. Muss man denn als Künstler unbedingt vernetzt sein? Es ist manchmal einfach so sauanstrengend. Ächz – ist das auch mal gesagt.

‚Confessions Of A Pop-Group’ nannte Paul Weller mal eine Style- Council- Platte, während Kerouac solche Gefühligkeiten lieber in Alkoholismus kanalisierte, ist vielleicht auch straighter.

Schlusswort: es sind immer Zusammenfassungen der jeweiligen Befindlichkeit, mit denen ich an die Öffentlichkeit gehe. Bei der KUNSTKLINIK im Mai (siehe die Ankündigung an dieser Stelle) will ich Füße zeichnen als Geste, als Zitat, als Schritt zu mehr Demut bei gleichzeitiger Chuzpe. Ein Schritt aber auch auf die Religionen zu, die allzu autoritär organisiert sind, ihre Gläubigen allzu gerne entmündigen (respektvoller Gruß an Martin Luther) und ihnen vor allem Dinge aufzwingen, die mit dem Glauben an sich nicht mehr viel zu tun haben. Ein Aufruf also auch dazu, den Glauben und die Rituale in die eigene Hand zu nehmen. Den Glauben positiv einzusetzen, das konnte ich von den Gay Muslims lernen, die die Süße des Islam kennen, von der ich bereits in Istanbul gehört hatte.

Und schlussendlich inspirieren mich diese Gedanken ganz einfach zu neuen Arbeiten. Gedanken sind immer verknüpft mit Ästhetik – Form und Inhalt, das alte Lied, gehen immer eine Synthese ein. Ich will ein Beispiel nennen: meine Aquarell- Studien zu einem reformierten sakralen Raum enthalten als Deckenelement stets drei Kreise, angefüllt mit den Symbolen für Judentum, Christentum und Islam. Das ist ein Zitat aus der Hagia Sophia in Istanbul.

Diese Kirche, wohl eine der wichtigsten der Welt, wurde als christliche Kirche zu Zeiten gebaut, als Istanbul noch Konstantinopel hieß. Dann wurde Konstantinopel muslimisch und aus der Kirche wurde eine Moschee. Im Inneren symbolisiert durch riesige schwarze Kreise, die an der Decke befestigt die Namen einiger wichtiger Propheten in arabischer Kalligrafie darstellen, sehr kunstvoll, aber durch die fremde Ästhetik auch sehr erschreckend in einer ehemals christlichen Kirche anzusehen. Für mich war das immer ein schmerzhafter Widerspruch, eine symbolische gewaltsame Eroberung, Vergewaltigung beinah, doch mein alter Schulfreund Christoph Hinz brachte mir neben vielen anderen Dingen auch die Kunst der Kalligrafie näher, so dass sich mein Blick auf die Sache änderte:

Die Kalligrafien, gold auf schwarz (hallo? Wie die englischen Kneipenschilder-Typografien), wurden von den größten Meistern der Kalligrafie ausgeführt und sprechen in ihrer Ausführung genauso von Liebe wie die verbliebenen christlichen Mosaiken von Maria mit dem Jesuskind an den Wänden. Da ist es wieder: COEXIST. Atatürk muss das geahnt haben und machte die Hagia Sophia 1935 zu einem Museum. Ich wüsste zu gerne, ob er John Coltrane mochte. Gemocht hätte. Er starb 1938. An Leberzirrhose.

Ich dagegen, untertänigster Diener der ganzen Welt, erinnere voller Fragen an all die Zusammenhänge und versuche dennoch, zu feiern. Wie hieß es früher in der Werbung? Achten Sie auf die Goldkante, es lohnt sich!

THE TOWN AND THE CITY

23.04.2014 12:04

Blödmanns Morgenruf 2

Where shall I begin? Warum sind es immer die Sonnentage, die mich so aufwühlen, dass ich beginne, über die Verpackung von Mars- Riegeln nachdenke, die früher aus zartem schwarzem Papier bestand und heute aus einem ordinären Stück Plastik mit gelblichem Strichcode? Warum sind es die Sonntage, die mich rauswerfen, mich als Familienmenschen an der Einsamkeit lecken lassen, indem ich mich auf meinem Fahrrad auf einen Flohmarkt begebe, in diesem Fall auf den sogenannten Kultur- Flohmarkt beim Museum für Arbeit in Hamburg am Ostermontag des Jahres 2014?

Mein Fenster steht weit offen, mein Handgelenk riecht nach Terre d’Hermes, einem Geruch, den ich liebe obwohl ich eines Tages in der Zeitung lesen musste, dass auch Claudia Roth von den Grünen ihn benutzt, aber immerhin eine Frau mit Humor.

Blödmanns Morgenruf 7

Where also shall I begin? Truman Capote, Schriftsteller, Studio 54- Besucher neben Bianca und Mick Jagger, Andy Warhol, all diesen Leuten, Keith Richards mochte den Disco- Laden nicht so gerne aber der ganze Disco- Einfluss reichte aus, um mit den Stones ‚Miss You’ raus zu hauen, einen getriebenen gehechelten Disco- Knaller auf der Höhe der Zeit. New York, Truman Capote also sagte in einer Talkshow zum Thema neue amerikanische Literatur, und neben ihm saß seine Hassliebe Norman Mailer, Jack Kerouac, angeführt von Mailer als Beispiel guter Autoren der Beat- Generation, jener Jack Kerouac also, sei keine Literatur sondern, Achtung, festhalten, ‚Getippe’.

Nun muss man wissen, dass eine der großen Fähigkeiten Kerouacs genau in diesem Getippe lag, seinen großen Roman ‚On The Road’ schrieb er auf einer Endlosrolle Papier, die er durch seine Reiseschreibmaschine nudelte mit seinen Abenteuern auf dem ‚Dach Amerikas’. Zwei Jahre später schrieb er die entzückende Liebesgeschichte ‚Maggie Cassidy’, ein sprödes Stück Teenager- Liebeslyrik, getrieben von Gefühlen und Naturalismus, mit dem er den urbanen nördlichen Winter wahrnahm in dem seine kurze Romanze spielte. Der Roman ließ mich als Abiturient eine Weile Zigaretten der Marke Chesterfield rauchen, ich wollte ihm nah sein, dem Tipper. Denn das Getippe war in seinem Fall stilbildend.

Ein alter Freund meinte einmal, es mag auch in der Abiturientenzeit gewesen sein, von Kerouac dürfe man nie einen Satz zweimal lesen, was sich auf die Geschwindigkeit bezog, die Kerouac in seiner Prosa beschwor. Es ging um die Geschwindigkeit des Lebens, der Eindrücke, der Verarbeitung zu reiner Euphorie, eine reine Lobpreisung des Lebens trotz aller Zweifel, Schmerzen, trotz allen Schmutzes. Es war Jazz, es war schnell, es war Weite, es war Raum. Und diesen Rausch musste man wahrscheinlich zwingend eilig tippen und nicht in Stein meißeln. Kerouac war ein sehr fragiler Held, anders als die amerikanischen Großmeister Capote und Salinger, die tatsächlich literarischer schrieben, inniger, virtuoser, durchdachter, komplexer.

Kerouac war ein naiver, unverkünstelter und sehr kraftvoller Erzähler. Man sollte ihn auf Reisen lesen, besser noch: man sollte ihn in der Abiturs- Zeit gelesen haben und sich auf Reisen an ihn erinnern, wenn man über den Wolken die Sonne aufgehen sieht oder ein Hotelzimmer bezieht, das schmutzig ist aber voller Leben (und damit meine ich nicht die Kakerlaken) in einer neuen Stadt. Wieso komme ich jetzt auf Kerouac? Weil ich auf Reisen war.

Blödmanns Morgenruf 3

Um das Thema aber noch kurz abzurunden, bevor ich auf meinen Reisebericht und die daraus resultierenden Reflexionen zu sprechen kommen, noch kurz dies: Man sollte in Abiturs- Zeiten neben Kerouac unbedingt auch oben erwähnte Capote und Salinger gelesen haben (Bukowski und Hemingway sicherlich ebenfalls, ohne darauf an dieser Stelle weiter einzugehen) und zumindest ein paar wichtige Erzählungen Thomas Manns und das eine oder andere von Hermann Hesse genossen haben. Das erachte ich für eine westeuropäische bürgerliche Bildung als unausweichlich. Rein geschmacklich kann man das alles würzen mit ein wenig Nietzsche, Max Frisch schadet nix, Goethe und Schiller muss man nicht extra erwähnen, jede Zeile verschlingen kann man natürlich auch von Proust, Joyce und, um noch was modernes zu erwähnen, den einen oder anderen Roman von Rainald Goetz kann man durchaus genießen.

Das hat alles natürlich keinen Anspruch auf irgendeine Art von Vollständigkeit und ist zudem nur, was einem die allererste Vernunft einflüstert, aus künstlerischer Sicht muss ich zu diesem Kanon noch die ‚Geschichte der Kunst’ von Ernst H. Gombrich hinzu fügen, danke, Therese, für den Tipp und David Hockney liebt das Buch laut eigenem Bekunden ebenfalls.

Blödmanns Morgenruf 8

Nun aber zum Thema Reisen, oder, wie es früher im MAD- Magazine hieß: „Wenn einer eine Meise hat, dann kann er was erzählen.“ Es sollte London sein. Nicht aus irgendeinem geschmäcklerischen Grund sondern weil ein alter Schulfreund mir den Tipp gab, es doch mal bei der Royal Watercolor Society (RWS) zu versuchen. Das fand ich natürlich sexy, eine uralte Gesellschaft (Sie können gerne mal für Details auf deren website gehen), die sich der Förderung der Aquarelltechnik widmet und ein recht exklusiver Club zudem, wie ich erfahren sollte, die Mitglieder der RWS tragen dieses Kürzel stolz hinter ihrem Namen. Doch mein Weg zur Bewerbung war nicht mit Blumen bestreut. Einmal im Jahr, im März, kann man sich um eine assoziierte Mitgliedschaft bewerben, die nach weiteren drei Jahren in eine reguläre Mitgliedschaft umgewandelt werden kann – die Aufnahme-Rituale der Hells Angels sind auch nicht anstrengender, was man so hört.

Also, erstens: drei gerahmte Werke einreichen.

Blödmanns Morgenruf 5

Zwotens ein Portfolio mit anderen Arbeitsbeispielen und eine Vita, altmodisch Curriculum Vitae genannt. Dann ein frankierter Rückumschlag für die Bestätigung der formellen Bewerbung, die man schon vor der eigentlichen Einreichung per Post schicken muss. Die Einreichung der Bilder aber muss persönlich vollzogen werden, nix da Post, Kurier, Taxi, wird nicht akzeptiert. Ich, keine Zeit habend, ermittle Kontaktpersonen, die in London wohnen und meine Bilder persönlich in meinem Namen dort abgeben können und vor allem das böse Verpackungsmaterial entsorgen, das ist der RWS recht wichtig.
In der Wartezeit wurde ich Mitglied bei der Royal Mail, um an eine Briefmarke für den frankierten Rückumschlag zu gelangen, in Zeiten von Internet und Kreditkarten fast kein Problem, abgesehen von der anstrengenden Menüführung und der entnervenden Tatsache, dass dann auf der Selbstausdrucker- Briefmarke stand, bitte verbrauchen bis übermorgen, was ich bis heute nicht verstehe was aber auch nicht weiter relevant war. Dass der Rahmenladen die Bilder nicht pünktlich rahmte und meine Kontaktperson in London plötzlich im Urlaub war sei nur am Rande erwähnt. Im einzelnen gar nicht weiter schlimm ging ich durch die Summe der Ereignisse nervlich leicht auf dem Zahnfleisch, man hat ja so Phasen.

Blödmanns Morgenruf 4

Als ich die Bilder und die sehr schönen Portfolios schließlich einen Vormittag lang in Holz, Pappe und Bläschenfolie verpackt hatte und sie in HH- Winterhude am Stadtpark zur Post gebracht hatte, genehmigte ich mir gegen halb fünf Uhr Nachmittags im gegenüberliegenden Dorotheen- Eck ein Bier. Ich weiß nicht, warum, aber in dieser Kneipe scheint die Zeit stehen geblieben, die Luft ist blau vor Rauch und wenn man ein Bier bestellt bekommt man für die Wartezeit schon mal ein Schlückchen vorab. Prost. Nach einer Woche Wartezeit dann der aufgeregte Abflug nach London, eine befreundete Kollegin, nennen wir sie Theresa, weil sie so heißt, begleitete mich ins Abenteuer. Die weitergehende Spielregel der RWS lautet folgendermaßen: Freitag Anlieferung der Bilder, Samstag geht eine Jury durch die Einreichungen, macht den Daumen hoch oder runter, Sonntag Abholung der Einreichungen mit der Mitteilung ob Daumen hoch oder runter.

Blödmanns Morgenruf 6

Wird morgen fortgesetzt.

LUSTIMMENORAKELAND’AZUR

17.01.2014 11:33

Oh dieser Januar!
Immer im Januar muss man über das neue Jahr nachdenken. Warum nicht bei den ersten Sonnenstrahlen im März oder wenn es gemütlich warm ist, im Juni am Grill? Nein, der Januar mit seiner Katerstimmung und seiner Dunkelheit muss dafür herhalten, sich Gedanken zu machen, wie das Jahr wohl wird, wohin die Reise wohl gehen soll.

Aus Gründen, die ich hier noch nicht ausbreiten will – und es sind künstlerische Gründe – sehe ich ein Jahr auf mich zu kommen, das schon jetzt etwas zerrissen daher kommt, aus dieser verregneten Januar-Perspektive, die nur schief sein kann und nur den Schluss zu lässt, dass es eigentlich nur besser werden kann als es von hier aus aussieht.

Zerrissen, defragmentiert, nee, atomisiert, zerrieben in tausend Einzelteile, splittergroß, die neu zusammen gefügt werden wollen zu einem roten Faden, zum großen Rahmen. Vorsätze, geschenkt, die geben Schwung, verheißungsvoll aber auch ein bisschen künstlich, wie die Wärme aus einer Mikrowelle.

So viel zum Zustand, alles läuft weiter, das Jahr ist neu, nun müssen wir die alte Propellermaschine mal wieder zum Abheben bringen, was man sich so ähnlich vorstellen muss wie den Albatross in ‚Bernhard und Bianca – die Mäusepolizei’ – das waren noch Filme. Ein Start muss stottern wie eine Generalprobe scheitern muss – Aberglaube. Irgendwann schwebt der kühne Albatross dann am Himmel, elegant, schwerelos, unbeeindruckt. Darauf arbeiten wir hin. Voll gerne.

Der rote Faden:
Lust ist immer im Spiel, Lust treibt an, Lust steuert, legt eine Taktik vor, nach der man operiert, Viererkette hinten, tausend Stürmer vorne, kein Torwart. Lust bedeutet aber auch: ja, ich male weiter nackte Weiber, wie ich immer so schön sage, früher sagte ich: Landschaften, was ja auch zutrifft. Ich liebe also weiter Poussin, Lorrain, Watteau und die ganzen Typen.

Stimmen höre ich den ganzen Tag und sie flüstern mir ständig Dinge ein: Du musst die Welt retten, du musst noch die Wasserkisten weg bringen, du musst ausstellen, die Milch ist alle, du musst Geld verdienen, dieser Wein ist eigentlich zu teuer, das Klo müsste auch mal wieder geputzt werden, eine Villa mit großen hellen Räumen in lieblicher Umgebung wäre eine angemessene Residenz für mich als Künstler, wann kommt die Reformation der ganzen religiösen Welt, wie bekommen wir die Probleme in den Griff ohne neue Probleme aufzuwerfen, heute schon gefickt? Lebe! Für! Heute! Nicht! Für! Morgen! And in the morning milk the cow. Und take care.

Das Orakel soll Antworten geben. Stattdessen gibt es Rätsel auf, in denen die Antworten enthalten sind. Ich habe dieses Jahr Silvester vergessen, Tarot-Karten zu legen, was für ein Einstieg. Oder war das schon das Orakel? Ich wüsste gerne die Antwort auf ein paar Fragen, das geb ich ja zu. Ich hatte ein bisschen Zeit, abends an meinem Schreibtisch zu sitzen, das Fenster rechts von mir, wie ich es immer mache, weil ich Linkshänder bin, manchmal unsere Katze quer vor der Tastatur, gemütlich, unter der warmen Schreibtischlampe, dann wieder jogge ich während des Nachdenkens, denke, ich bin der genialste Mensch unter der Sonne: beim Joggen. Die Gedanken fließen und bringen mich heute zu folgendem Schluss: Ich ziehe meinen Hut vor Jean Cockteau aber ich misstraue ihm auch, weil ich nicht weiß, wofür er steht. Er hat so viel gemacht. Aber als Betrachter will ich immer wissen und hier zitiere ich meinen alten Professor, Horst-Egon Kalinowski: „Was würden sie retten, wenn ihr Haus brennt und sie nur eine Sache mitnehmen könnten?“ Ja genau, das wollen wir sehen bei einem Künstler: was ihm wichtig ist und worum es ihm geht. Ich hoffe auf den roten Faden, den großen Plan bei allem, was ich tue. Im Moment schreibe ich an einer längeren Geschichte. Ja – schreiben. Das kommt nicht ganz unerwartet, denn auch an dieser Stelle schreibe ich ja manchmal aber was ich sagen will (oder was mir die Stimme heute beim Joggen eingab): eigentlich misstraue ich diesen Doppeltalenten wie Cocteau (Filmer, Maler, Checker) aber ich betätige mich selber ebenfalls an mindestens zwei Fronten.

Ich traue mir also selber nicht so ganz über den Weg, hoffe aber siehe oben auf den roten Faden, der alles zusammen hält. Therapeuten, die ihr das lest, ruft nicht an, ich hab das im Griff. Oder ich halte mich in ein paar Jahren für Napoleon, wir werden sehen. Also ein Roman liegt in der Luft. Er behandelt Themen, die ich auch in der Malerei behandle, hier aber nicht ausführen möchte, weil ich noch auf einen letzten Punkt zu sprechen kommen will: Ich male gerade nicht viel, weil ich auf meine Schreibarbeit fixiert bin. Ich wünschte, es wäre anders aber es ist so. Was nun machen mit dem täglichen Aquarell, das mich schon durch so manche Durststrecke geführt hat?

Ich entscheide mich für die George Thorogood-Methode: One Bourbon, One Scotch, One Beer. Also das ist das, was es in nächster Zeit geben wird: ein Mädel, eine Buntstiftkrakelei, die an Landschaft oder Natur erinnert, ein Wort. Mal sehen, wie lange. Vielleicht so lange, bis der Roman fertig ist oder so lange, bis ich weiß, wie ich ein Bild über eine Stadt malen kann, ohne in Klischees zu verfallen. Ach, so viele Fragen, oh, dieser Januar…

7. April 2013

07.04.2013 22:12

6. April 2013

ICH KOCHE IN MEIN CURRY DEN TANZ WAS-ICH-SAH

Ich fahre auf den Markt und vorher zu einem kleinen asiatischen Laden, ich koche Curry heute Abend. Und wie die schlesischen Weber koche ich hinein den dreifachen Fluch vom Abwarten, vom Erdulden, vom Ignorieren.

Ich warte ab und koche, ich brauche Geduld und stelle sie beim Kochen auf die Probe. Wenn ich die Zwiebeln mit Liebe klein hacke, ist schon was gewonnen. Die grünen Chilischoten mit Liebe entkerne, den Ingwer mit Liebe schäle und reibe, Bockshornklee, Chilipulver, Senfkörner, Curryblätter, das alles anbrate und dünste und mit Kokosmilch und Tomaten vermische, Kurkuma und Korianderkörner nicht vergesse, einen Klecks Tamarinde, die Sonne, die heute schien, die Leute auf der Straße, das Wundern darüber, dass man sich verständigen kann, ein paar freundliche Worte am Gemüsestand austauscht, und vor allem keine Eile hat und sich am Ende wundert, dass es gar nicht so lange dauerte, dass man nach Büchern, Handys (meins ist kaputt), Autos, Frauen schaut, nach Bürgersteigen und Weinetiketten und Knospen kurz vorm aufplatzen und gebrauchten Arbeitshandschuhen, die ich sammle für ein zukünftiges Kunstwerk, all das in der endlich auftauchenden Frühlingssonne, die einen breit grinsen lässt und gleichzeitig kommunikativ und authistisch seinen Weg suchen lässt, ich schneide Hähnchenbrust in Streifen, glückliche Hühner, von denen ich kleine Fettstücke und Blut und Sehnen abschneide, mir auch dabei Zeit lasse, diesen Musiker höre, der neuerdings King Crimson, Yes, Emerson, Lake and Palmer und von mir aus auch noch Jethro Tull vermischt und in immer neuen Variationen Sounds nachbaut und zusammen setzt, ohne eine Funken Melodiegefühl zu besitzen, Steven Wilson heißt der Typ, ein virtuoser Recycler ohne Seele, ohne Melodie, ohne Gefühl, aber doch interessant genug, dass ich ihn höre und mich über ihn ärgere. Er hat nichts zu sagen und ich koche ihn mit in mein Curry genau wie Kim Jong Un, der inzwischen jedem schon mal mit der Atombombe gedroht hat, was witzig wäre, würde er dabei nicht sein ganzes Volk unterdrücken und mit seiner Anwesenheit nerven.

Auf Youtube sehe ich mir später, mitten in der Nacht, ein paar alte Pink-Floyd-Filme an, sehr alte Filme, die Seele haben und Verschrobenheit und Ekstatse. Ich brate die Hühnerbruststreifen mit Korianderkörnern an, bis sie leicht braun sind, dann tu ich sie mit in den Sud, der inzwischen schön gelb ist von dem Chilipulver und der Kokosmilch und noch etwas einköcheln muss.
Die Raconteurs haben auf ihrer ersten Platte King Crimson mit mehr Zärtlichkeit, Beiläufigkeit und Seele zitiert, ihr ‚Together’ erinnert mich an ‚Cadence And Cascades’ von ‚In The Wake Of Poseidon’ oder ‚Lady Of The Dancing Waters’ von der Platte ‚Lizard’ – zärtliche Kapriziosen.

Reis waschen und aufsetzen ist leicht, die Sportschau hat inzwischen angefangen, ein Glas Weißwein macht die Runde zwischen mir und der Arbeitsplatte, immer hin und her, und wird zwischendurch aufgefüllt. Ich hatte mal ein paar Chardonnay in Brisbane, einer Stadt an der Ostküste Australiens, einem Kontinent, wo wenigstens mal die Sonne scheint, die Erinnerung koche ich gleich mit rein in mein Curry, ich hatte damals am Ufer des Pazifischen Ozeans die Gewissheit, Regisseur zu werden, hab dann auch einen kleinen Film gedreht, den ich beim Wiedersehen vor Kurzem noch immer klasse fand – bei allen technischen Mängeln. Ab in das Curry damit, schmeckt nach Mango und Barock.

Gleich kommt die Familie, mal sehen, ob es ihnen schmeckt, meine Frau sagt beim Reinkommen, es riecht wie in Mumbay, ich entgegne, ja, aber es gibt weniger Vergewaltigungen.

Ich kontrolliere das leichte Blubbern, den Reis, die Teller auf dem Tisch, das Mango-Chutney, ganz wichtig und den Joghurt für den kleinen Sohn, der nur Reis mit Joghurt und Sojasoße isst, stellt euch vor, ich muss noch mal raus zu Rewe und Joghurt kaufen, ich mache es gerne, Rewe Abenteuerland, das neue Titelbild der Titanic, der Spex, der Cosmopolitan, der Zeit, die Kunden, so zielstrebig wie der FC Bayern München, der an diesem Wochenende wieder Deutscher Meister wird. Werder Bremen nur noch ein Schatten, sie machen Werbung für einen Hühnermastbetrieb, das ist wie ein Fluch, ich koche ihn gleich mit rein in mein Curry, wenn ich wieder da bin.
Auf der Straße eine ältere Frau, die neben ihrem Mann läuft und sich lauthals kaputt lacht. Die Frage angesichts diesen Bildes friedlicher Ausgelassenheit dräut durch meinen Tag und mein Curry: Werde ich den Hem- Film drehen? Wann werde ich den Hemjeoltmanns- Film drehen? Wird er kommen? Was muss da nicht alles mit rein erzählt werden? Er kollidiert mit meiner Malerei, er ist ein Schnittpunkt. Here comes that Supernova, strenge ich mich genug an für den Film wie für meine Malerei? Verdichte ich genug? Oder köchelt die Zeit von selber alles ein zu einem Oevre, einem Lebens – und Werklauf, wie mein Curry auf kleiner Flamme?

Es ist, das ist das wichtigste, es ist schon. Es ist schon da. Man muss es nur auflesen, einsammeln, die Zeichen richtig lesen. Und weil das so ist, dass es bereits ist, darum kann ich in den Momenten, wo mir das nicht im Kopf sondern im Herzen klar wird, in aller Ruhe das Kochen genießen und koche in Ruhe und genieße nur den Augenblick. Lady Of The Dancing Water In The Heat Of The Night.

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