Von der Möglichkeit, zu beginnen und der Unmöglichkeit, aufzuhören.

Gedanken zu Boobs, Balls, Bonsai von Tennessee Ulysses Hemjeoltmanns

“Manchmal zerstört das Explizite die Romantik, weil Romantik mit Sehnsucht zu tun hat, mit Liebe, mit Wissen um die eigene Sterblichkeit und mit Hoffnung. Mich hat eine Ausstellung von Poussin stark beeinflusst: erotische, nackte verschlungene Körper im Vordergrund und grandiose Landschaften dahinter. Idealbilder, die man nie in Wirklichkeit sehen könnte.“
John Currin in MONOPOL 12/2008

„In der unsichtbaren Tiefe der Straßen ging wahrscheinlich das Leben fort nach seiner Art, aber über ihnen war nichts zu sehen als leichter Dunst.“
Franz Kafka

„Morgens beim Aufwachen stellt sich einem die Frage, was man wohl heute tun könnte, man muss etwas zu tun finden, das gehört zur menschlichen Mechanik des Malers, man muss mit etwas beschäftigt sein. Natürlich ist es praktisch, wenn ein Modell kommt, aber manchmal fehlt es an Geld, um es auch zu bezahlen.“
Aus: ‚Jules Pascin’ von A. Dupouy, New York, 2004


Das Projekt und die Spielregeln:

Einmal am Tag zum Aquarellkasten greifen und bildhaft auf immer demselben Format
20 × 20 cm notieren, welche Kleidung am betreffenden Tag getragen wird/wurde. Das war 2008. Diese Spielregel war Ausgangspunkt für eine Reihe von bildlichen Exkursionen in die entferntesten Regionen der Erde, um am nächsten Tag wieder im Morgenmantel und reichlich verwirrt die zerzausten Haare zu notieren und einen Hut drauf zu setzen, um fürs Auge im Spiegelbild einen kleinen zusätzlichen Haken zu gewinnen.

Klar – das Ganze ist ein Ausgangspunkt, die Garderobe Anhaltspunkt, die Kontinuität des täglichen dagegen erfüllt die Anforderung, den Wunsch nach der täglichen Linie, ohne die es nicht geht. Innere Befindlichkeiten dringen geschwätzig in die täglichen Notate, machen sich mit oder ohne Sprechblasen breit, berichten von Geschehnissen. Freud und Leid eines Jahres beängstigen dort am meisten, wo gar nichts geschrieben steht, außer dem jeweiligen Datum. Was war bloß los? So schlechte Laune, dass die Worte fehlen, selbst die Kalauer und Zitate ausbleiben? (Does Humor belong into la Peinture, um eine Frage Frank Zappas abzuwandeln).

Nun also – das Jahr 2008 erfolgreich rum gebracht habend, zur Halbzeit schon einmal eine Wand mit den Aquarellen so far im Sommer im Skam – Raum zu Hamburg ausgestellt habend, und merkend, dass das Thema Selbstportrait nach einem Jahr jetzt erst mal ausgeschöpft ist, fragte es sich, wie das Ritual beibehalten und das Motiv auffrischen?

Da kommen die Kalauer ins Spiel und mit ihnen die Lust am uneindeutigen:
Es sollten Akte sein, ohne die Landschaft zu verlieren, die inzwischen, bzw. im Lauf des Jahres 2008 sehr schnell ihren festen Platz hinter der Figurine fanden, die es abzubilden galt, also Ego, umgeben von Fauna und Flora und das möglichst noch in der freien Natur, denn nicht umsonst wird hier Poussin herangezogen, der im Einklang mit FreundLorrain einen Standard setzte – lange vor der Romantik – wie mit der Figur in der Landschaft zu verfahren sei. Zwei Barocklümmel, die der Natur ein Denkmal setzten, sofern diese das nötig hat, indem sie ihr den Menschen als Maßstab mit auf den Weg gaben, der auf den Bildern im Übrigen meistens ganz in die Tiefe geht und der Betrachter mit ihm. Wobei wir auch schnell bei Watteau sind, dem bei aller Zuckrigkeit der Damen doch gelungen ist, was unser Verhältnis zum Draußen bis zum heutigen Tag ausmacht: es spiegelt uns und gibt uns wieder, denn wir sind Teil davon. „Ich bin die Berge, ich bin der Fluss, ich bin der Wald.“ sagte gestern ein Stammeshäuptling aus Ulan Bator in einer deutschen Talkshow. Wenn hinterm Deich schon die dunkle Wolke herangeweht kommt in ihrer beigen nassen schauerlichen Schwärze, spüren wir schon lange den Groll in unserer Erinnerung – wir kennen das alles von unserer Seele.

Der Akt in der Landschaft – im Winter 2007/ 2008 gab es in Wien eine Ausstellung zu Tizians Spätwerk, die einen Raum im Kunsthistorischen Museum hervorbrachte, der für lange Zeit einmalig bleiben wird: er war eben genau diesen Akten in freier Natur gewidmet, die Tizian mithilfe der MetamorphosenOvids und der Erinnerung an seinen alten und viel zu früh verstorbenen KumpelGiorgione im Laufe seines langen Lebens geschaffen hat. Ein Raum von solcher Sinnlichkeit, solcher Anbetung der Schönheit wird lange nicht sein.

So also die Akte in der Landschaft. Die Boobs als Flapsigkeit innerhalb der Anbetung von Momenten reiner Schönheit (es sind immer nur kurze Momente), die Balls als Reminiszenz an eine Serie , die mir und ein paar guten Freunden vor ein paar Jahren viel Spaß gemacht hat: Beavis and Butthead. Eines Tages gingen sie auf einen Golfplatz und jobbten als Ballsucher. Es gab Ball- Waschmaschinen (die reine Wahrheit, wie ich inzwischen weiß). Beavis and Butthead konnten sich das keine Sekunde entgehen lassen – washing the balls – das machte ihren nichtsnutzigen Nachmittag! Der Sport und seine Bälle. Ein weites Feld. Lassen wir das. Beavis and Butthead (‚we saw naked people’), Gott hab sie selig.

Aber warum Bonsai?
Eine japanische, quälerische Art, kleine Pflanzen klein zu halten, sie dem Menschen Untertan zu machen, sie seinem Gestaltungswillen, seiner Über- Kultur zu unterwerfen, sie zu verbiegen nach seinen Vorstellungen. Die östliche Kultur, Lob des Schattens, Hokusai, all die Farbholzschnitte, die Van Gogh so mochte, Mangas, Haikus, all das hat überhaupt nichts damit zu tun. Ich mag einfach kleine Bäume, weil sie den großen, die ich liebe, so ähnlich sind.

(Wenn Sie es nicht verstehen, fragen Sie einen Modellbauer. Wir sind alle Theoretiker, mitten im Leben mit Abgleichen beschäftigt.)
a suivre

Biografisches, ganz amtlich-sachlich

Frank Hemjeoltmanns wurde am 27. Mai 1965 in Torsholt geboren, was sich im Ammerland befindet, das sich wiederum nördlich von Oldenburg i.O. und südlich von Ostfriesland befindet.

1985-1990: Nach dem Abitur studierte er bildende Kunst an der Kunstakademie zu Karlsruhe bei den Professoren H.E. Kalinowski, Horst Antes, Markus Lüpertz und Helmut Dorner.

1991 zog er nach Hamburg, machte Zivildienst im Deutschen Seemannsheim Altona (neben der Haifischbar), zeichnete Comics und begann, Drehbücher fürs Fernsehen zu schreiben, u.a. für die Serien ‚Peter Strohm’, ‚SK Kölsch’, ‚Rote Meile’ und ‚Tatort’. Zur Zeit arbeitet er als freier Autor für die tägliche Serie ‚Rote Rosen’.

Parallel dazu arbeitet er als bildender Künstler und stellte in Karlsruhe, Hamburg, Düsseldorf, Mannheim und Dresden aus.

1998 drehte er den Kurzfilm ‚KAMMERSPIEL BAROCK’.

2000: Geburt des Sohnes Lee.

2004 wurde er Mitglied der Ateliergemeinschaft SKAM auf der Reeperbahn. Einzelausstellung im Ausstellungsraum des SKAM und Teilnahme an mehreren Gruppenausstellungen.

2006 Geburt des Sohnes Milo.

2008 begann er eine Serie täglicher Aquarelle zu malen, die er seitdem auf seiner website www.boobsballsbonsai.com veröffentlicht.

Außerdem heiratete er in diesem Jahr seine langjährige Lebensgefährtin und Mutter seiner Kinder, die Architektin Mine Aykut.

2010: Arbeitsaufenthalt in Berlin, Aquarellzyklus: PRENZLAUER BERG- UND TALBAHN.

3 Einzelausstellungen im Art Store St. Pauli, Hamburg:
-HIGH ART CELEBRATION (2010)
mit einem Vortrag über Nicolas Poussin und Claude Lorrain zur Finissage (Doku-Film zur Ausstellung auf Youtube unter Hemjeoltmanns)
-MEER WUCHT UND BERGE BRUMMEN (2011)
-MORGENS UM SIEBEN IST DIE WELT NOCH IN ORDNUNG (2012)

Zur Ausstellung 2012 erschien ein wohlwollendes Porträt mit Ausstellungsankündigung im HAMBURGER ABENDBLATT.

Aquarellzyklus: MORT ET TRANSFIGURATION.

In Vorbereitung: ein Film über GUSTAVE COURBETS Bild DAS ATELIER.